Die Forschungsergebnisse, die Nina Tiralla und ihre Kollegen zutage gefördert haben, deuten darauf hin, dass der Wolf in Österreich und vergleichbaren Ländern mit intensiver Landwirtschaft noch keine idealen Bedingen für eine konfliktfreie Koexistenz mit dem Menschen vorfindet: Wölfe, so ein Schluss, der aus der Studie gezogen werden kann, brauchen ökologisch möglichst intakte Gebiete mit einer großen Artenvielfalt. Dann jagen und essen sie ausschließlich Wildfleisch, auch wenn es in der Nähe Herden mit Nutztieren, etwa mit Rindern oder Schafen, gibt. Die Forscher vermuten, dass Nutztierherden schwerer zu bejagen sind, als etwa ein Reh.

Vieh zu jagen, ist riskant für den Wolf

Die Forscher der Universität Göttingen und des Senkenberg Museums für Naturkunde in Görlitz haben ihre Studie in der Mongolei durchgeführt. Die Mongolei ist zwar eines der am dünnsten besiedelten Gebiete der Welt, zugleich aber eine sich ökologisch sehr stark wandelnde Region, in der die Hälfte der Bevölkerung von Weidevieh lebt. Die Forscher schätzen, dass circa 40 Millionen Weidetiere in der Mongolei grasen und dabei immer weiter in Wolfsgebiete vordringen. Ein großer Teil der Weidehaltung ist nomadisch, etwa ein Drittel der Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Ganz ähnlich wie in Österreich wird auch in der Mongolei der Wolf vor allem als ein Problem gesehen: Studien hatten auch tatsächlich gezeigt, dass Wölfe sich von Weidevieh ernähren, wenn sie die Chance dazu haben.

Naturnähe und Artenvielfalt schützen vor Vieh-Rissen

Umso überraschter ist die Biologin Nina Tiralla über die Ergebnisse: Die mongolischen Wölfe ernähren sich ausschließlich von Sibirischem Reh, Mäusen, Hasen, Insekten und von Beeren. Alles, was sie essen, stammt aus dem Wald. Vier Jahre lang, von 2008 bis 2012, hatten die Forscher Wolfskot gesammelt und analysiert. Die Studie beruht unter anderem auf der Analyse dieser Wolfslosungen, insgesamt 137 Stück. Das Entscheidende scheint zu sein, dass diese Losungen in Regionen gesammelt wurden, die zwar auch vom Menschen genutzt werden, aber dennoch eine große Artenvielfalt aufweisen und vergleichsweise naturnah sind.

Wölfe "geringe Gefahr" für Nutztiere

Wenn Wölfe also die Wahl haben zwischen Reh und Rind, scheinen sie das Reh vorzuziehen. Kulinarische Gründe hat die Vorliebe für Wildfleisch allerdings wahrscheinlich nicht. Die Forschungsgruppe schreibt, dass Wildtiere wie Rehe oder Wildschweine mit weniger Gefahr und Risiko gejagt und erlegt werden können, als einzelne Tiere einer Herde mit Nutztieren. Von Wölfen ginge daher nur eine "geringe Gefahr" für das Vieh aus, wenn der Lebensraum eben genug Alternativen bietet.

Ob diese Erkenntnisse dem Wolf in den Alpen und in den Niederungen Österreichs helfen können? Seit Ende des 19. Jahrhunderts aus Europa so gut wie verschwunden, gibt es seit einigen Jahren auch hier wieder Wölfe, dreißig bis 35 Tiere sollen es sein. 2019 wurden laut WWF 103 Schafe durch einen Wolf gerissen. Das Land Salzburg genehmigte im letzten Sommer erstmals den Abschuss eines so genannten Problemwolfs; Einige fordern die Aufhebung des Wolfschutzes.

Seit Jänner dieses Jahres geht man aber noch einen anderen Weg: "Life Wolfalps", ein Projekt der EU, an dem unter anderem auch die Veterinärmedizinische Universität Wien beteiligt ist, bietet Notfallteams an, die beim Schutz akut bedrohter Herden aktiv werden. So soll letztlich auch der illegale Abschuss von Wölfen verhindert werden. Wieviele Wölfe es gibt, welche möglicherweise nur durchziehen oder sich tatsächlich hier ansiedeln, soll in dem Projekt ebenfalls detailliert erhoben und dokumentiert werden.