Je aggressiver und je weniger zahm ein Hausrind, desto grösser ist sein Gehirn: Zu diesem Schluss kamen Zürcher Forschende, nachdem sie die Schädel von 71 Rassen vermessen hatten. Demnach besitzen Stierkampf-Rinder die viel größeren Hirne als Milchkühe.

Die Forschenden der Universität Zürich untersuchten die Schädel, um herauszufinden, ob und wie sich die Züchtung auf das Gehirn auswirkte. Insgesamt flossen Schädelmessungen von 317 Hausrindern in die Analysen ein. Demnach hängt die Hirngröße direkt mit der Intensität des menschlichen Kontakts sowie der Aggressivität der Hausrinder zusammen, wie das Team im Fachmagazin "Proceedings B" der Royal Society berichtet.

Die Forschenden um die Evolutionsbiologin Ana Balcarcel verglichen die Gehirngrössen der Rinder zudem mit denen des Auerochsens, der vor rund 400 Jahren ausgestorben ist und als der wilde Vorfahre des heutigen Hausrinds gilt. Die Domestikation des Auerochsens begann bereits vor bereits rund 10.000 Jahren im Nahen Osten.

Auerochsen als Maßstab

Anhand von fossilen Schädeln von 13 erwachsenen Auerochsen fanden sie heraus, dass das Gehirn der Hausrinder im Durchschnitt rund ein Viertel kleiner ist. Aufgeschlüsselt nach Rassen zeigte sich, dass die Gehirne von Stierkampf-Rinder im Vergleich zu denen ihrer wilden Vorfahren um 15 Prozent kleiner sind, diejenigen von Milchviehrassen um 31 Prozent und von Mastrindern um 25 Prozent.

Viele Haustiere wie Schweine, Schafe und Hunde besitzen kleinere Hirne als ihre wilden Vorfahren. Denn bestimmte Fähigkeiten wurden im Zuge der Domestizierung weniger wichtig, wodurch das Gehirnvolumen schrumpfte. Die Fachwelt geht davon aus, dass die Hirnverkleinerung am stärksten das limbische System des Gehirns betrifft, das für die Verarbeitung von Aggression und Angst verantwortlich ist, wie Balcarcel gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erklärte.

Harter Umgang mit Kampfstieren

Die Erkenntnisse der Zürcher Forschenden stützt diese Hypothese. So erleben Stierkampf-Rinder beispielsweise bis zu dem Tag, an dem sie zum ersten Mal den Kampfring betreten, keinen menschlichen Kontakt. Zudem werden junge Kampfstiere als potenzielle Väter ausgesondert, wenn sie während eines Kampfes zögern, ihr Gegenüber anzugreifen oder sich unterwerfen.

Mit Kernspintomografie oder Autopsien möchte das Team nun detailliert untersuchen, welche Hirnregionen von der Schrumpfung insbesondere betroffen sind. "Das Gehirn ist nach wie vor ein großes Geheimnis", sagte Balcarcel. Wenn es gelingen würde, Verhaltensweisen einer bestimmten Hirnregion zuzuschreiben, wäre das aus ihrer Sicht denn auch interessant für das Verständnis für die Gehirne von sämtlichen Säugetieren. (sda)