Frieda ist schnell. Wir können ihr kaum folgen. Die Nase wenige Zentimeter über dem Boden, sprintet sie im Zickzack, in Kreisen und in Schleifen durch das Unterholz. Ein Labrador mit hellem Fell und einer Mission: Sie will, will unbedingt, den Menschen finden, der sich irgendwo hier im Wald versteckt hat. Der Mensch heißt Thomas, das weiß sie nicht. Sie weiß genau, wen sie sucht, denn sie kennt den Geruch. Die Spur, der sie folgt, wurde für sie vorbereitet. Frieda ist ein Suchhund und sie ist da, um zu üben.

Dass Frieda ein Suchhund sein kann, hat drei Gründe, die auf das Allerengste miteinander verbunden sind. Erstens: Ihr ganzes Sein ist auf die Jagd ausgerichtet, darauf, etwas zu finden, von dem sie nur aufgrund weniger Moleküle in der Luft etwas weiß, und zweitens, dieses Aufspüren in einem sozialen Verbund zu tun. Mit anderen Hunden oder mit einem Menschen. Drittens verfügt sie über ein besonders ausgeklügeltes Instrument: ihre feine Nase.

Die Musterung des Nasenspiegels sorgt für eine besonders gute Geruchsaufnahme.  
- © Christoph Liebentritt

Die Musterung des Nasenspiegels sorgt für eine besonders gute Geruchsaufnahme. 

- © Christoph Liebentritt

Eine Hundenase ist speziell. Der so gut wie stets feuchte Nasenspiegel, der gesamte Nasenanfang also, der nicht von Fell bedeckt ist, ist von unzähligen feinen Linien zerfurcht. Diese Oberfläche ist schon Teil des Riechwunders, denn Feuchtigkeit und Furchen helfen, viele Moleküle zu sammeln und weiterzutragen. Wie bei Menschen und vielen andere Säugetieren haben auch die Nasen von Hunden zwei Nasenlöcher. Hunde können durch jedes dieser Nasenlöcher — unabhängig von einander — Luft einziehen und wieder entströmen lassen. Sie ziehen die Luft durch das rechte Nasenloch ein und entlassen sie durch das linke, erklärt die Verhaltensforscherin Alexandra Horowitz im Buch "Hund, Nase, Mensch".

Hunde haben immer die volle Kontrolle über alle Möglichkeiten ihrer Nase. Wie Sommeliers Wein in ihrem Mund hin und her bewegen, können Hunde den Molekülstrom in der Schnauze genauestens untersuchen, bevor sie ihn wieder heraus lassen. In der Schnauze werden die Geruchsproben temperiert, in ihre chemischen Bestandteile zerlegt und treffen schließlich auf eine mit Rezeptoren übersäte Riechschleimhaut in ihrem hinteren Teil. Diese Rezeptoren sind auf bestimmte Moleküle spezialisiert.
Ist die Identifikation abgeschlossen, wird die Luft mit einem gezielten Puff entlassen, um neue Geruchsproben in die Nase zu wirbeln.

Für spezielle Gerüche nutzen Hunde ihr vomeronasales Organ unter dem Nasenrücken, wo zum Beispiel Hormone identifiziert werden. Hundenasen sind so präzise, dass sie ein bestimmtes Sandkorn an einem Strand finden könnten. Auch wenn der Vergleich stimmt, muss Christoph Rosenberger darüber lachen. Er ist Hundetrainer. Er hat das Schraubglas mit dem Tuch, das den Geruch von Thomas trägt und das Thomas dort hinterlassen hat, wo Frieda seine Spur aufgenommen hat. "Sicher können Hunde das Sandkorn am Strand finden, die Frage ist nur, ob sie das wollen. Ich bezweifle das." Kommt etwas Interessanteres daher, bleibt das Sandkorn links liegen.

 

"Der kürzeste Weg zum lohnendsten Ziel"

Hunde seien Opportunisten, meint Rosenberger. "Sie suchen immer den kürzesten Weg und das lohnendste Ziel." Wenn er das sagt, ist das keine Hundekritik. Eher Bewunderung. Der 55-Jährige bildet Hunde als Such- und Rettungshunde aus — für Feuerwehren und Rettungsorganisationen, für Polizei und Militär in ganz Europa, in China und in den USA. Die Hunde finden vermisste, flüchtende oder verschüttete Personen. Auch Familien und normale Hundebesitzer können mit ihren Hunden zu ihm kommen und Mantrailing bei ihm lernen.

Eine bestimmte Methode hat Rosenberger nicht. "Ich brauche dem Hund nicht zu erklären, was suchen ist. Jeder Hund kann das, denn jeder Canide kann der Spur von Wild folgen. Es ist eher so: Je mehr der Mensch sich einmischt, umso weniger funktioniert es", sagt er. Sein Credo ist daher: Den Hund selbst entdecken lassen. "Wir verstärken nur durch gezielte Übungen, was dem Hund natürlich gegeben ist."

Christoph Rosenberger und Lilou. 
- © Christoph Liebentritt

Christoph Rosenberger und Lilou.

- © Christoph Liebentritt

Frieda hat inzwischen den Trail verloren. Rosenberger, die Augen im Laufen ganz auf Frieda und ihren Begleitmenschen Uroš gerichtet, sieht das an Friedas Haltung, an der Rute, die sich langsam senkt, den Suchbewegungen, die den enormen Drall und Antrieb verloren haben und innehalten. Für einen Moment setzt Frieda sich gar hin und stupst die Luft erhobenen Kopfes mehrmals mit der Nase. Es soll doch bitte wieder Bewegung in die Sache kommen.

Wo Thomas ist, wissen weder Rosenberger noch Uroš. "Doppelblind zu suchen ist extrem wichtig, es ist vielleicht sogar unser wichtigstes Tool", sagt Rosenberger. "Hunde sind nämlich Meister im Beobachten und merken in der Sekunde, dass man weiß, wo das Ziel sich befindet." Ein Blick, ein Zögern kann genügen. Wenn der Hund weiß, dass der Mensch weiß, wo die gesuchte Person ist, sucht er nicht mehr. Warum auch? "Suchen ist extrem anstrengend für den Hund" sagt Rosenberger. "Und Hunde tun das, was notwendig ist, und was sie für spannend halten, nicht mehr. Wenn sie sehen, man weiß es schon, ist die Sache für sie erledigt, und sie wenden sich anderem zu."Warum und wann das jeweils passiert, rekonstruiert Rosenberger nach einem Trailing, indem er die GPS-Trails, hier die von Thomas und von Frieda, vergleicht.

Die Limits der Hundenase ergeben sich nicht aus ihrer Physiologie. Die hat womöglich keine oder zumindest keine relevanten Grenzen. "Ich werde oft gefragt, wie alt eine Spur sein kann, die der Hund noch findet", sagt Rosenberger. "Die meisten Menschen machen sich da die abenteuerlichsten Vorstellungen. Aber man muss sich klar machen: Kein Hund würde einen Hasen suchen, der vor drei Wochen hier vorbeigegangen ist." Auch wenn er die Spur möglicherweise riecht. Es ist kein lohnendes Ziel, "vollkommen sinnlos für den Hund".

Das Suchhundetraining ist entsprechend nicht auf das Training der Nase ausgerichtet, sondern darauf, Ziele lohnend zu machen. Durch das Training kann Rosenberger den Motivationsraum auf vier bis sechs Stunden alte Spuren ausdehnen. Innerhalb dieses Rahmens finden ausgebildete Hunde eine Spur verlässlich ein ums andere Mal. In der Rettungshundeausbildung ist Verlässlichkeit das um und auf. Wo eine Spur beginnt, ist für den Hund an ihrer Intensität erkennbar. So wie der sich im Lauf der Stunden verflüchtigende Geruch des Hundebesitzers dem Hund sagt, wie lang dieser schon weg ist und wann er heimkehrt.

Spuren können kompliziert sein. So wie die, die Frieda verfolgt. Von Thomas weiß Rosenberger via Handy, dass eine Gruppe Schulkinder kreuz und quer über den Trail gelaufen ist. Das verwischt Spuren. Hinzu kommt die heiße Luft, Thermik wirbelt Geruchsmoleküle auf, und der leichte Wind weht sie davon. Man muss sich vergegenwärtigen, dass eine Spur sich aus den Partikeln zusammensetzt, die sich abgelagert haben, als die Sohlen von Thomas für Bruchteile von Sekunden den Boden berührten. Thomas selbst hat eine ganze Duftwolke hinterlassen, die für Hundenasen so deutlich ist, wie die Welt bei Tag für unsere Augen.
Aber: "Wenn viele Gerüche da sind, muss der Hund sich entscheiden, und dann entscheiden sie sich manchmal für den frischeren oder den für sie spannenderen Geruch." Verleitung nennt Rosenberger das Phänomen. Training kompensiert das.

Ob der Hund sein Ziel immer findet, ist im Training vollkommen egal für den Hund und für den Menschen. "Ein Hund lernt auch durch Misserfolg. Wenn es nicht geklappt hat, wird er seine Suchstrategie verbessern." Wenn es geklappt hat, bekommen die Hunde eine Belohnung — Essen, ein Ohrenrubbeln, ein Spielzeug — , wenn nicht, nichts. "Wir reagieren neutral darauf."

Frieda hat ihr Glück nun gefunden. Ein Mann in einem gestreiften T-Shirt steht mit einem Rad abseits des Weges im Wald. Es ist nicht Thomas. Das weiß Frieda. Aber: Es ist eine Person, das zählt für sie. "Passt schon", sagt Rosenberger. "Nächstes Mal."

Die blaue Spur ist Thomas, die rote Spur Frieda.   
- © Christoph Rosenberger

Die blaue Spur ist Thomas, die rote Spur Frieda.  

- © Christoph Rosenberger