Die "Vulkanwolke erreicht Deutschland", "Berichte über giftige Wolken haben zu zahlreichen Anrufen beim Deutschen Wetterdienst geführt": Solches und ähnliches wurde am Mittwoch über den Cumbre Vieja, ("Alter Höhenrücken") der seit Wochen Asche, Rauch und Lava auf der Kanareninsel La Palma spuckt, berichtet.

Kurz darauf gaben die Wetterdienste Entwarnung: Zwar seien in der Atmosphäre erhöhte Konzentrationen von Schwefeldioxid gemessen worden, in Bodennähe allerdings "so gut wie nichts". Ein etwas saurerer Regen, würde die Atmosphäre reinigen, angesichts des vorübergehenden Phänomens sei dies jedoch keine dauerhafte Gefahr für Umwelt und Klima, hieß es dazu etwa in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Auch die Zentralmeteorologische Anstalt in Wien betonte: Die "Vulkanwolke" aus La Palma sei "für Österreich ungefährlich".

Bis Mittwoch waren im Süden der kleinen Kanareninsel 5000 Menschen evakuiert worden. Die Lava habe etliche Wohnhäuser erfasst, sagte eine Sprecherin der Regionalregierung. Das Deutsche Geo Forschungs Zentrum (GFZ) in Potsdam hat ein Team nach La Palma entsandt, um mit spanischen Institutionen das Zusammenspiel der Eruptionen mit Erdbeben, Verformungen und Druckanstiegen zu untersuchen. Satellitenradar, Seismometer, Neigungsmesser, Drohnen und Thermalkameras kommen zum Einsatz.

Wind verträgt Asche

Der Hauptstrom ergießt sich seit rund zwei Wochen in den Atlantik. "Wenn die 1200 Grad Celsius heiße Lava den Ozean erreicht, lässt sie das Salzwasser verdampfen und reagiert zu teils giftigen, ätzenden Gasen", erklärt Thomas Walter von der Sektion Erdbeben- und Vulkanphysik des GFZ und beschreibt die gruseligen Folgen: "Enthalten ist Magnesiumchlorid, das sehr reaktionsfreudig ist, und sich innerhalb dieser Dampfwolke unter anderem zu Salzsäure entwickelt. Auch Schwefeldioxid-Emissionen hat unser Team gemessen, Gesundheitliche Folgen sind hier in Mitteleuropa aber letztlich auszuschließen, weil die Asche-Konzentration zu gering ist." Die Gas-Warngeräte hätten den Grenzwert, ab dem diese Gase schädlich auf den Körper wirken, nur ein Mal im Nahfeld der Lavaströme erreicht. Anders hätte es ein Team seines Instituts am Fuße des Berges Fagradalsfjall nahe Islands Hauptstadt Reykjavik erlebt, der seit einem halben Jahr Lava ausspuckt. "Dort konnten wir auf der windabgewandten Seite zeitweise nicht arbeiten, weil die Gase von Schwefel- über Salz- und Flusssäure zu ätzend sind", gibt Walter Einblick in vulkanische Dimensionen.

Der Cumbre Vieja hatte seine Aktivität nach einer 50-jährigen Ruhephase am 19. September begonnen: Seit genau einem Monat speit er Feuer. Unter ihm könnten sich bis zu 20 Millionen Kubikmeter Magma gestaut haben, berichtete der spanische Sender RTVE unter Berufung auf den Regionalregierungschef der Kanaren, Ángel Víctor Torres. Weiters warnt der spanische Vulkanologe Stavros Meletlidis vor weiterer Aktivität: "Wir haben nur sehr simple Modelle der extrem komplizierten Vorgänge unter unseren Füßen." Wie lange der Ausbruch dauern könnte, wisse man nicht. "Es gibt Ausbrüche, die nach neun Tagen enden, und welche, die Jahre dauern."

Thomas Walter gibt sich hierzu eher zuversichtlicher: "In der jüngeren Geschichte dauerten vergleichbare Eruptionen auf La Palma, etwa von 1949 und 1971, drei bis sechs Woche an. Jetzt sind wir in Woche fünf. Wenn sich der Vulkan so verhält wie bei den letzten Eruptionen Jahren, müsste er sich bald zur Ruhe legen."

Als Hauptproblem sieht der Vulkanologe der Universität Potsdam die feinkörnige Asche, die zunächst über größere Entfernungen transportiert wird und dann auf die Häuser herunter rieselt. "Wenn es jetzt etwa regnen sollte, wird diese Asche schwer, was die Häuser belasten würde", sagt er.

Magnitude als Höhenmaß

Asche ist ein lockeres Material. Starke Winde verfrachten sie wie Pulverschnee über viele Kilometer und sogar Ländergrenzen. Das hat zur Folge, dass man auch auf den Nachbarinseln und sogar auf dem spanischen Festland Vulkanasche von Autodächern wischen muss, und diese indirekt mit neuerlichem Wind oder Regen weitergetragen wird. "Gemessen an den Magnituden der großen Vulkanausbrüche ist Cumbre Vieja allerdings eher weniger gewaltig", hebt Walter hervor.

Ähnlich wie Erdbeben werden auch Vulkanausbrüche in Magnituden gemessen, allerdings nicht was die Erschütterung, sondern was das Volumen der Eruption und ihre Höhe betrifft. Die Eruptionshöhe der Lava des Cumbre Vieja liege bei zwei bis drei Kilometern, was relativ gering im Vergleich zu den großen Vulkan-Ausbrüchen sei. "Der Ausbruch auf La Palma ist weniger explosiv als effusiv. Das heißt, er passiert größtenteils in Lavaströmen und wirft die Asche nicht sehr hoch, weswegen sie auch relativ schnell wieder zu Boden fällt", sagt er.

Auch Aso-Ausbruch eher klein

Zum Vergleich ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Das isländische Vulkan-System Eyjafjallajökull schoss im März 2010 Lava und Asche bis zu zehn Kilometer nach oben. Erhebliche Asche-Mengen wurden in die Atmosphäre geschleudert und noch bis zum Juli bildeten sich Dampfwolken über den Vulkanen. Der Flugverkehr musste periodisch gesperrt werden und Photovoltaik-Anlangen in ganz Europa erzeugten weniger Strom.

Auch durch den Cumbre Vieja muss auf den Kanaren der Flugbetrieb zeitweise unterbrochen werden, jedoch müsse Wien keineswegs mit einem Ascheregen rechnen: "Dieser Vulkanausbruch beeinflusst das globale Klima nicht, dazu ist er zu klein", sagt Walter. Das gelte übrigens auch für den Aso in Japan, der am Dienstag dreieinhalb Kilometer hoch in den Himmel spuckte. Der Aso zähle, wie übrigens der auch Vesuv bei Neapel, zu den 1500 aktiven Vulkanen mit in erster Linie lokaler Wirkung.