Einkaufssackerln, Strandspielzeug, Wasserflaschen, Styropor: Weltweit schwimmen geschätzte 250.000 Tonnen Plastikmüll auf den Ozeanen. Sie sinken zum Meeresgrund, werden von Strömungen zu Mikroplastik zerrieben und als winzige Partikel von Fischen und Meerestieren gefressen. Forscher gehen davon aus, dass das Problem sich weiter verschärfen wird: Bis 2050 könnten 25.000 Millionen Tonnen Kunststoff in die Meere gelangen. Das berichtet ein Forschungsteam im Fachmagazin "Nature Commmunications".

Zugleich bietet der Abfall marinen Küstenbewohnern die Chance, die Meere zu erkunden. Organismen aus küstennahen Regionen besiedeln schwimmende Kunststoffteile und überqueren auf ihnen das Meer. Von der Größe her wäre das in etwa so, wie wenn Menschen auf Dampfern in See stechen würden, und von der Art des Treibens wie Menschen auf einem Floß.

Die Forschenden um Hauptautorin Linsey Haram berichten, dass Küstenpflanzen und -tiere auf Plastik hunderte Kilometer vor der Küste wachsen und gedeihen. Untersucht wurden Trümmer, die aus dem Subtropischen Wirbel des Nordpazifiks, der wegen seines hohen Partikel- und Trümmergehalts auch "Great Pacific Garbage Patch" oder Pazifische Mülldeponie genannt wird, herausgefischt worden waren.

"Die Causa Plastik im Ozean hat viele Seiten", schreibt Haram, ehemalige Postdoktorandin am Smithsonian Environmental Research Center (SERC) im US-Bundesstaat Maryland, in einem Kommentar zur Studie. "Einerseits verschlucken Fische die Partikel und verheddern sich Meerestiere in Kunststoffnetzen. Andere Arten nützen die Trümmer, um ihre Verbreitungsgebiete zu erhöhen", indem sie sich auf ihnen in andere Regionen tragen lassen. Plastikwirbel im Meer entstehen, wenn Oberflächenströmungen Kunststoff-Teile von den Küsten in Regionen treiben, in denen sie von rotierenden Strömungen eingesaugt werden, die sich im Laufe der Zeit windhosenförmig im Meer ansammeln. Weltweit sind fünf Kunststoff-verseuchte Wirbel bekannt. Im Subtropischen Wirbel des Nordpazifiks zwischen Kalifornien und Hawaii tummelt sich das meiste Plastik - schätzungsweise 79.000 Tonnen auf einer Fläche von fast 900.000 Quadratkilometern. Ein Großteil der Verschmutzung besteht aus Mikroplastik, das mit bloßem Auge nicht einmal zu erkennen ist. Jedoch werden auch Netze, Bojen und Flaschen in die Wirbel gespült und nehmen Küsten-Organismen mit.

Die Studienautoren bezeichnen diese Gemeinschaften als neopelagisch. "Neo" bedeutet neu und "pelagisch" bezieht sich auf das offene Meer im Gegensatz zur Küste. Einer Theorie zufolge öffnete der japanische Tsunami von 2011 der Evolution dieses Tor. In den Jahren danach wurden rund 300 Arten auf Tsunami-Trümmern im Pazifik gefunden.

Reiselustige Anemonen

Die These stellte Haram zusammen mit dem Ocean Voyages Institute, das auf Segelexpeditionen Plastikmüll einsammelt, und der Universität Hawaii in Manoa auf den Prüfstand. Das Ocean Voyages Institute schickte Proben jener 103 Tonnen Plastikabfall, die es im ersten Jahr der Corona-Pandemie aus dem aus dem Subtropischen Wirbel gefischt hatte. Die Universität Hawaii wiederum erstellte Modelle zur Vorhersage der Plastikanhäufungen im Subtropischen Wirbel.

Haram analysierte die Arten in den Proben. Sie stellte fest, dass viele Küstenbewohner - darunter Anemonen, Hydroiden und garnelenähnliche Amphipoden - auf Meereskunststoff sogar gedeihen. Die Meereswissenschafter sehen in der Existenz dieser neuen Hochsee-Gemeinschaft einen Paradigmenwechsel. "Der offene Ozean war bisher für Küstenorganismen unbewohnbar", sagt Greg Ruiz, Leiter des Labors für marine Invasionen am SERC. "Früher war ihr Lebensraum mangels Plastik-Floßen zur Ozeanüberquerung begrenzt. Zudem dachten wir, dass Küstenbewohner auf offener See keine Nahrung fänden."

Die neue Entdeckung zeigt, dass beide Vorstellungen nicht immer zutreffen. Stücke aus Kunststoff sind wie Floße auf hoher See. Ob aber das Plastik selbst wie ein Riff wirkt, das weitere Nahrungsquellen anlockt, ist offen. Zu erforschen ist außerdem, wie diese Neuzugänge jahrtausendealte Ökosysteme verändern, wenn sie mit den vorhandenen Arten um Platz und Ressourcen konkurrieren.