Ein Giraffen-Vorfahre, der vor rund 17 Millionen Jahren im Norden des heutigen China gelebt hat, beschert Wissenschaftern neue Einsichten in die Entwicklung der extrem langen Hälse der Tiere. Die Überreste des "Discokeryx xiezhi" genannten Tieres zeigen eine starke Anpassung an Kämpfe, die mit Kopfstößen ausgetragen werden. Die an der im Fachblatt "Science" erschienenen Analyse beteiligten Forscher sehen darin den entscheidenden Grund für die Entwicklung des langen Halses.

Schon Charles Darwin (1809-1882) sah in dem langen Hals ein anschauliches Beispiel für Evolution im Sinne der Anpassung an einen Lebensraum bzw. eine Nische in einem solchen, schreiben die Wissenschafter um Erstautorin Shi-Qi Wang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking in der Arbeit. Immerhin erlaubt das markante Körperteil den heutigen Giraffen das Erreichen von Nahrungsressourcen in mitunter sehr kargen Steppen- und Wüsten-Umgebungen, an die andere Tiere nicht gelangen. Derart extreme evolutionäre Wege ziehen seit jeher viel Aufmerksamkeit von Forschern auf sich.

Neue Einsichten

Der Fund des erst vor kurzem entdeckten Giraffen-Vorfahren eröffnete dem Team, dem mit Bastien Mennecart auch ein an den Naturhistorischen Museen in Basel und Wien tätiger Experte angehörte, neue Einsichten in den Entwicklungsprozess der Giraffen. Dass Discokeryx xiezhi trotz eines kürzeren Halses als seine heutigen Verwandten zu der Familie der Giraffenartigen zählt, konnten die Wissenschafter nachweisen. Hervorstechend sind ein großer helmartiger, scheibenähnlicher Schädelknochen sowie massive Halswirbel und die kompliziertesten Gelenke am Übergang vom Hals zum Kopf, die man bisher bei Säugetieren beobachtet hat.

Harte Kämpfe auch noch heute

Diese Kombination deutet man dahingehend, dass die männlichen Tiere harte Kämpfe mittels Kopfstößen ausführten. Ein ähnliches Verhalten ist auch noch bei heutigen Giraffen zu beobachten, wenn Bullen versuchen, mit wuchtigen Stößen mit ihrem Kopf den Hals des Kontrahenten zu treffen. Discokeryx xiezhi war allerdings noch deutlich besser an dieses Verhalten angepasst, schreiben die Forscher.

Die Isotopenanalysen der Zähne des Tieres weisen darauf hin, dass es einst in offenen Graslandschaften gelebt haben muss. Teile diese Lebensräume dürften mitunter eher karg und für andere Pflanzenfresser schwer zu bewohnen gewesen sein, vermuten die Experten.

Lebensräume abseits anderer Hornträger besetzt

Die frühen Giraffenartigen zeigen die größten Entwicklungsunterschiede in der Gruppe der Stirnwaffen-tragenden Tiere, zu der etwa auch Hirsche oder Moschusochsen zählen. Dies deuten die Wissenschafter als Hinweis darauf, dass interne Kopf-Kämpfe in dieser Untergruppe die größte Rolle spielten, während sie Kämpfe mit Antilopen- oder Hirschvorfahren vermutlich eher mieden, indem sie Lebensräume besetzten, die den anderen Hornträgern nicht so zu Gesicht standen.

Da die heutigen, extrem langhalsigen Giraffen erst auftauchten als sich vor rund fünf Mio. Jahren größere Savannenlandschaften etablierten, es aber schon zuvor Vorfahren gab, die recht lange Hälse mit starken Wirbeln ausbildeten, vermuten die Paläontologen, dass die Kämpfe der ursprüngliche Auslöser dieser Entwicklung waren. Dass sich dies dann später als noch größerer Vorteil entpuppte, um exklusiv an hoch auf Bäumen wachsendes Futter zu gelangen, sei eher ein angenehmer Nebeneffekt gewesen, der den Tieren dann noch längere Hälse bescherte. (apa)