Zweihundert Jahre und mehr. Schildkröten erreichen ein mehr als majestätisches Alter. Denn sie haben einen Weg gefunden, die sogenannte Seneszenz - das Einstellen des Zellwachstums, das bei Wirbeltieren üblicherweise nach der Geschlechtsreife auftritt- zu verlangsamen beziehungsweise ganz auszuschalten. Daher altern sie wesentlich langsamer als der Mensch - dem Tod entkommen sie trotzdem nicht.

Grundsätzlich altern alle lebenden Organismen. Aber nicht alle folgen dem gleichen Muster der Schwächung und des Verfalls bis hin zum Tod. Eine Studie von Forschern der Universität Süddänemark, die im Fachblatt "Science" erschienen ist, zeigt, dass das Alterungsmuster von Schildkröten nicht dem von Menschen oder anderen Tieren ähnelt. Tatsächlich altern die meisten von ihnen - nämlich 75 Prozent von 52 untersuchten Arten - langsamer, und in einigen Fällen ist ihr Alterungsprozess vernachlässigbar.

Keine üblichen Schäden

Einige Evolutionstheorien sagen voraus, dass die Seneszenz nach der Geschlechtsreife als Kompromiss zwischen der Energie, die ein Individuum in die Reparatur von Zell- und Gewebeschäden investiert, und der Energie, die es in die Fortpflanzung investiert, damit seine Gene an die nächsten Generationen weitergegeben werden, auftritt. Diese Abwägung bedeutet unter anderem, dass die Individuen nach Erreichen der Geschlechtsreife aufhören zu wachsen und in den Alterungsprozess eintreten, was eine allmähliche Verschlechterung der gesamten Körperfunktionen mit sich bringt.

Theorien sagen, dass solche Kompromisse unvermeidlich sind und daher auch die Seneszenz unvermeidlich ist. In der Tat hat sich diese Vorhersage für mehrere Arten, insbesondere Säugetiere und Vögel, bestätigt. Doch Schildkröten wachsen nach der Geschlechtsreife weiter. Dieses Potenzial ermöglicht es ihnen, weiterhin in die Reparatur von Zellschäden zu investieren. Die üblichen schädlichen Auswirkungen des Altersprozesses erfahren sie damit weniger oder überhaupt nicht.

Der Tod kommt trotzdem

Das bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass sie unsterblich sind. Es bedeutet nur, dass ihr Sterberisiko nicht mit dem Alter zunimmt, aber immer noch größer als null ist, heißt es in der Studie. Kurz gesagt, sie werden alle irgendwann durch unvermeidliche Todesursachen wie Krankheiten sterben, betont Fernando Colchero von der Fakultät für Mathematik und Informatik der Universität Süddänemark. Noch deutlicher sichtbar ist dieser Prozess bei Schildkröten, die in Zoos und Aquarien leben und dort im Vergleich zur Wildnis verbesserte Lebensbedingungen vorfinden, erklären die Forscher.

Die menschliche Seneszenz verlangsamt sich hingegen nicht unter verbesserten Lebensbedingungen.