Die akademische Welt nahm ihn zunächst nicht ernst. Der als Gregor Johann Mendel vor 200 Jahren, am 20. Juli 1822 in Heinzendorf im heutigen Tschechien geborene Bauernsohn wandte seine "Vererbungsregeln" in seinen eigenen Experimenten an. Zwar machten Pflanzen- und Tierzüchter sich diese zunutze, doch die Welt der Wissenschaften nahm zu seinen Lebzeiten von seinen Entdeckungen keine Notiz.

Den vielseitig interessierten Naturforscher und Priester verunsicherte die akademische Ignoranz aber nicht: "Meine Zeit wird schon noch kommen", soll er gesagt haben. Heute gilt Gregor Mendel als "Vater der Genetik".

Er war ein guter Schüler, aber arm. Um die Ausbildung am Gymnasium bezahlen zu können, verdingte er sich als Privatlehrer. Nach seinem Abschluss mit vorzüglichen Noten studierte er an der Universität Olmütz Philosophie. Wegen Geldmangels und "bitterer Nahrungssorgen" brach er die Ausbildung ab und trat 1843 in das Augustinerkloster in Brünn ein. Ihm wurde der Ordensname Gregorius verliehen und er empfing die Priesterweihe.

Neben seinem Theologiestudium besuchte Mendel Vorlesungen über die Obstbaum-Zucht und lernte Samen vermehren, Kreuzungstechniken und Ausleseverfahren. Später studierte an der Universität Wien Physik, Chemie, Mathematik und Biologie. Der Physiker Christian Doppler lehrte ihn die qualitative Auswertung von Experimenten - ein Wissen, das er nutzen konnte.

1856 startete er im Klostergarten systematische Kreuzungsversuche mit Gartenerbsen (Pisum sativum). "Mendel sah ein Muster in den natürlichen Vorgängen", erklärte Magnus Nordborg, der das Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) leitet: "Mit seinen Experimenten versuchte er zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Das ist Wissenschaft im ursprünglichsten Sinn, und die Art, wie sie betrieben werden sollte, weil es nur so zu den wirklichen Durchbrüchen kommt."

Entdeckung der Gene lediglich eine Ergänzung

Für seine Untersuchungen verwendete Mendel reinerbiges Saatgut. Mehr als zwei Jahre lang prüfte er, ob die Nachkommen noch die gleichen Merkmale wie die Eltern tragen. Um die Erbsen zu bestäuben, entnahm er unter Zuhilfenahme eines Tuschepinsels einer Blüte Pollen und übertrug diesen auf die Narbe einer noch ungeöffneten Blüte einer anderen Pflanze. Dann entfernte er die Staubblätter, um Selbstbefruchtung auszuschließen.

Er arbeitete mit 22 Sorten. Sieben gut unterscheidbare Merkmale, wie etwa die Farbe der Schoten, machte das Vererbungsgeschehen überschaubar. Von 1856 bis 1863 kultivierte er 28.000 Erbsenpflanzen und wertete seine Ergebnisse statistisch aus. 1866 veröffentlichte er seine Erkenntnisse mitsamt ausführlicher Versuchsbeschreibungen und -auswertungen in dem knapp 50 Seiten starken Büchlein: https://www.zobodat.at/pdf/Flora_89_0364-0403.pdf
" target="_blank" title="" rel="noopener">"Versuche über Pflanzen-Hybriden". Auf Basis seiner Ergebnisse stellte Mendel drei Vererbungsregeln auf: die "Uniformitätsregel", die "Spaltungsregel" und die "Unabhängigkeitsregel".

Der Augustinermönch kannte freilich weder Gene noch Chromosomen, sondern stellte "lediglich" fest, dass es "teilchenartige Elemente" gibt, die auf die Nachkommen übertragen werden.

Weitere 50 Jahre mussten vergehen, bis die chromosomale Vererbung entdeckt, und weitere 50 Jahre, bis die DNA identifiziert wurde. Chromosomen und Gene korrigierten Mendels Postulate aber nicht, sondern halfen, sie widerspruchsfrei zu erklären. "Sein grundlegendes Prinzip ist unglaublich universell", sagt Nordberg. Alles, was seitdem folgte, seien lediglich Ergänzungen.

1867 wurde Gregorius zum Abt des Stiftes St. Thomas in Brünn gewählt. Er setzte aber die "so lieb gewordenen Bastardisierungsversuche fort", wie er erklärte. Im Frühjahr 1883 erkrankte Mendel an einem Nierenleiden, am 6. Jänner 1884 verstarb er in Brünn. Wie von ihm selbst gewünscht, wurde seine Leiche seziert. Mendel erlebte es nicht, wie seine Regeln 1900 von der akademischen Welt anerkannt wurden. Der österreichische Botaniker Erich Tschermak hatte die Vererbungsregeln unabhängig gefunden und danach zu seinem Erstaunen in der Bibliothek Mendels Arbeit aufgestöbert.

In welches Forschungsfeld es den "Vater der Genetik" heute ziehen würde, hat Pflanzenbiologe Frederic Berger vom GMI im Fachblatt https://doi.org/10.1093/plcell/koac072
" target="_blank" title="" rel="noopener">"The Plant Cell" analysiert. Demnach würde Mendel wohl nicht mit der Gen-Schere Crispr/Cas9 hantieren, sondern sich eher mit Populationsgenetik beschäftigen. Jedoch seien nur wenige Unterlagen erhalten, von denen aus man direkt auf seine Wahrnehmung der Welt schließen könne, so Berger. Ein "21. Jahrhundert-Mendel" hätte höchstwahrscheinlich Gene und deren Funktionen identifiziert, sich aber nicht unbedingt für die Manipulation des Erbguts begeistert, da seine Experimente nie darauf abgezielt hätten, die "Gesetze der Natur" zu verändern. Über die Frage "Was ist Leben?" referiert Nobelpreisträger Paul Nurse zum Jubiläum am 21. Juli am GMI in Wien.(apa/est)