Die Rote Liste bedrohter Tierarten ist so lange wie noch nie zuvor und wird ganz offensichtlich immer länger. Verloren gehen damit nicht nur einzelne Spezies, sondern die gesamte biologische Vielfalt. Und die Tatsache, dass diese starke Einbußen erleidet, sei eine der größten Herausforderungen für die Umwelt, betont ein internationales Forscherteam. Sie sei wahrscheinlich noch wichtiger als der Klimawandel. Denn dieser könne von Menschenhand korrigiert werden. Doch verliert man eine Art, ist sie für immer verschwunden. Wiederum ist gerade der Klimawandel ein großer Faktor, der das Artensterben vorantreibt.

Erst am Mittwoch hatte die Weltnaturschutzunion IUCN eine Aktualisierung der Roten Liste bedrohter Tier- und Planzenarten präsentiert. Demnach finden sich von den insgesamt mehr als 147.500 erfassten Arten fast 41.500 in Bedrohungskategorien - mehr als jemals zuvor. Die Naturschutzorganisation WWF spricht von einem "düsteren Bild der Lage von Flora und Fauna". Neben Asien und Amerika ist auch Europa Schauplatz des Artensterbens. Ein Beispiel: So sind etwa sieben der acht in Europa vorkommenden Störarten vom Aussterben bedroht. Den Glattdick, dessen letzte Bestände in der EU in der Donau - früher auch in Österreich - schwammen, hat der IUCN dort schon für ausgestorben erklärt.

Lücken im Verständnis

Die einflussreichsten Faktoren für den Verlust der biologischen Vielfalt seien einer großen globalen Studie, die im Fachblatt "Frontiers in Ecology and the Environment" erschienen ist, der Klimawandel, die Umweltverschmutzung, die veränderte Land- und Meeresnutzung sowie die Ausbeutung. Der Ökologe Johannes Knops von der Xi‘an Jiaotong-Liverpool University im chinesischen Suzhou betont, dass der Verlust der biologischen Vielfalt an vielen verschiedenen Orten auftritt - "und es gibt Lücken in unserem gemeinsamen Verständnis davon". Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass möglicherweise sogar mehr Arten bedroht sind als bisher angenommen. Die Experten schätzen, dass seit 1500 insgesamt 30 Prozent der Arten vom Aussterben bedroht oder ausgestorben sind. Setzen sich die derzeitigen Trends fort, könnte sich dieser Anteil bis zum Jahr 2100 auf 37 Prozent erhöhen. Mit raschen und umfassenden Erhaltungsmaßnahmen könne dieser Anteil allerdings auf 25 Prozent gesenkt werden.

Die Forscher, die an der Arbeit teilgenommen haben, kommen aus unterschiedlichen Bereichen, darunter viele aus Gruppen, die in der Biodiversitätswissenschaft unterrepräsentiert sind, wie Frauen und Menschen aus dem globalen Süden. Dieses breite Spektrum offenbart große Unterschiede in den Einschätzungen und Empfehlungen der Fachleute, heißt es.

Merkmale gehen verloren

Denn auch die geografische und demografische Lage von Studien würde die Einstellung zur Landnutzung beeinflussen. Zu den derzeitigen Landnutzungsstrategien zur Erhöhung der biologischen Vielfalt gehören die gemeinsame Nutzung und die sparsame Nutzung von Land.

"In der Vergangenheit lag der Schwerpunkt auf der Schonung von Land und der Einrichtung von Naturschutzgebieten, was vor allem von weißen Männern aus Nordamerika und Europa propagiert wurde. Frauen und Menschen in China, Südamerika und Afrika legen mehr Wert auf die gemeinsame Nutzung von Land", erklärt Knops. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass vielleicht ein unverhältnismäßiger Schwerpunkt auf der sparsamen Nutzung von Land liegt und dass die gemeinsame Nutzung von Land stärker berücksichtigt werden sollte, so der Experte.

Die Studienautoren hoffen, dass ihre Arbeit mehr Forscher dazu anregt, die globale Perspektive auf den Verlust der biologischen Vielfalt zu verstehen und verschiedene Standpunkte in künftige Forschungsarbeiten einzubeziehen.

"Jede Art hat ihre eigene Nahrungskette und muss mit anderen Arten in Ökosystemen interagieren, von denen jede für das Ökosystem wichtig ist. Deshalb sollten wir über den Verlust der biologischen Vielfalt besorgt sein."

Eine weitere Studie, die im Fachmagazin "Cell Press" publiziert ist, zeigt wiederum, dass der Verlust an biologischer Vielfalt per se nicht nur Auswirkungen auf den Artenverlust selbst hat. Anhand statistischer Modelle sagen Forscher der Universität Sheffield voraus, dass auch die morphologische Vielfalt bei Tierarten stärker abnehmen wird. Das Forscherteam konzentrierte sich in seiner Arbeit auf Vögel - welche wir zu verlieren drohen und welche Regionen am anfälligsten für eine Homogenisierung sind.

Tiere werden immer gleicher

Die Vogelforscherin Emma Hughes hat sich mit der Untersuchung breiter morphologischer Merkmale bei Vögeln befasst. So hat sie etwa die weltweite Verbreitung verschiedener Schnabelformen untersucht. "Ich begann mich zu fragen, was mit dem globalen Wandel passieren wird. Es geht nicht nur darum, wie die Merkmale derzeit weltweit verteilt sind, sondern auch darum, was mit der morphologischen Vielfalt im Zuge der globalen Ausrottungskrise passieren könnte", so Hughes.

Viele Regionen könnten mit homogenisierten Populationen zurückbleiben. "Die Berge und Ausläufer des Himalayas sind besonders gefährdet, und es ist wahrscheinlich, dass der Verlust der Merkmalsvielfalt beträchtlich sein wird", sagt Hughes.

"Die globale Ausrottungskrise bedeutet nicht nur, dass wir Arten verlieren. Es bedeutet, dass wir einzigartige Merkmale und die Evolutionsgeschichte verlieren einschließlich Arten, die der Menschheit einzigartige Vorteile bringen könnten, die derzeit noch unbekannt sind", betont die Vogelforscherin.