Die Chance, in Österreich in einem richtigen Wald zu wandern, ist ziemlich gering. Denn von den rund 50 Prozent Waldfläche, die Österreich bedecken, ist nur auf 0,8 Prozent die forstliche Nutzung nicht erlaubt. Der riesige Rest ist grundsätzlich forstlich nutzbar und wird großteils auch genutzt. Zwar ist per gesetzlicher Definition ein Wald ein Bestand von Bäumen, doch in solchen intensiv genutzten Wäldern, wie etwa in Fichtenmonokulturen, findet der natürliche Waldkreislauf nicht statt oder wird, wie in forstlich genutzten Mischwäldern, abgeschnitten. Denn das Holz wird in der sogenannten Optimalphase eines Waldes geerntet. Im natürlichen Ablauf folgen darauf noch die Phasen Alter und Zerfall.

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"Natürlich muss die Forstwirtschaft die Bäume nutzen, solang das Holz intakt und die Faserstruktur noch da ist", sagt Christoph Nitsch vom Nationalpark Kalkalpen. "Aber viele Organismen tun sich in solchen bewirtschafteten Wälder sehr schwer. Sie kommen unter die Räder." Grund dafür: Die Alters- und Zerfallsphasen eines Waldes sind genau diejenigen Teile des Waldkreislaufs, die es für Biodiversität und das Überleben von kleineren Organismen wie Pilze, Insekten, Pflanzen, Vögel oder Fledermäuse braucht.

Wo die Urforelle schwimmt

Im Netzwerk Naturwald im Dreiländereck Oberösterreich, Niederösterreich und Steiermark haben sich vor mehr als zehn Jahren drei Schutzgebiete verbunden, um die Biodiversität und damit auch den Naturwald langfristig zu schützen. Sie umfassen verschiedene Lebensräume wie Wald, Wiesen, Almen oder felsige Gebiete.

Zum einen zählt der Nationalpark Kalkalpen dazu, der mit seinen fast 21.000 Hektar das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet der Republik ist. Er glänzt durch seine vielfältigen Landschaften, die Urforelle schwimmt dort und mehr als 40 wilde Orchideenarten erblühen jedes Jahr. Zum anderen lockt das an Gesteinen reiche Gesäuse (12.000 Hektar) in der Steiermark mit seinen fast senkrecht emporragenden Felswänden, dem Luchstrail oder seltenen Ufervögeln.

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Aus Niederösterreich ist als Dritter das Wildnisgebiet Dürrenstein im Bund, es beherbergt den größten Urwaldrest Mitteleuropas. Waldbesucher sind dort nicht erwünscht. Im Vorjahr wurde das Gebiet nach vielen Verhandlungsjahren um das Wildnisgebiet Lassingtal auf insgesamt 7.000 Hektar vergrößert. Von allen drei Schutzgebieten liegen Ballungsräume weit entfernt, der buchengeprägte Laub-Mischwald ist das prägende gemeinsame Merkmal. Dieser bildet auch die Grundlage für ein in Zentraleuropa mittlerweile seltenes Ökosystem.

Ziel des Netzwerk Naturwald ist, diese einzigartigen Lebensräume mit Trittsteinflächen und Korridore miteinander zu verbinden. Die Korridore sind wie durchgängige Wege, die ein Schutzgebiet mit dem anderen direkt verbinden. Blockieren Barrieren wie Straßen, Siedlungen, Bahntrassen oder Fichtenmonokulturen diese Wege, kommen die Trittsteine ins Spiel. Sie sind gleichsam Refugium und Sprungbrett.

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Damit möglichst vielen Organismen auf dem Weg in ein neues Habitat der Sprung von einem Trittstein zum anderen gelingt, ist ein Abstand von zwei bis drei Kilometern optimal. Außerdem ist eine möglichst naturnahe Forstwirtschaft wichtig, damit die Flächen zwischen den Trittsteinen und den Lebensräumen durchlässig bleiben. Christoph Nitsch von Nationalpark Kalkalpen und Netzwerk-Projektleiter, erklärt: "Trittsteinflächen allein genügen nicht. Sie müssen in die forstlich genutzten Flächen integriert werden, sodass die Tiere die Möglichkeit haben, diese zu durchqueren."

Mindestens 120 Jahre alt

Je kleiner der Organismus, desto mehr Trittsteine braucht er. Der Luchs etwa hat es leicht, er kann Barrieren meist ohne Mühe überwinden. Sucht jedoch ein Weißrückenspecht ein neues Habitat und kommt nicht weiter, ist er verloren.

Weißrückenspecht. - © Thomas Hochebner
Weißrückenspecht. - © Thomas Hochebner

Auch die Lungenflechte ist auf die Schutzgebiete angewiesen. Sie ist in ungestörten Bergwäldern zu entdecken, in intakten Ökosystemen mit sauberer Luft und in niederschlagsreichen, milden bis kühlen Lagen. Als Epiphyt wächst die Lungenflechte nicht am Boden, sondern auf der Rinde alter Bäume, bevorzugt auf Rotbuche und Ahorn. Das Gewächs wird bis zu 100 Jahre alt und braucht rund 30 Jahre, bis es sich vermehren kann. Auf einen stabilen Lebensraum angewiesen ist auch der Alpenbockkäfer, dessen Larve zwischen zwei und fünf Jahre im Holz verbringt und mitunter in einem Holzscheit endet.  

Landschaften durch Verbunde von Biotopen durchlässig zu machen, hat in Europa mittlerweile Priorität, der Fokus auf isolierte Schutzgebiete ist im Naturschutz passé. Denn für den langfristigen Erhalt der Artenvielfalt ist der Austausch zwischen den Populationen notwendig - je größer der genetische Pool, desto widerstandsfähiger werden sie.

Ausgangspunkt des Netzwerks Naturwald waren umfangreiche wissenschaftliche Erhebungen über potenzielle Trittsteine zwischen den drei Schutzgebieten: Sie müssen mindestens 120 Jahre alt und vom von Buchen dominierten Mischlaubwald geprägt sein. 167 solcher Flächen mit einer Größe zwischen 1 Hektar bis zu 2.519 Hektar wurden zwischen den Schutzgebieten ermittelt. Davon gehören insgesamt rund 3.600 Hektar der Österreichischen Bundesforste AG, rund 2.900 sind in Privatbesitz und weitere 1.700 werden von den Steiermärkischen Landesforste verwaltet.

Mit den drei Naturparks Natur- und Geopark Steirische Eisenwurzen, Naturpark NÖ Eisenwurzen und der Naturpark Ötscher-Tormäuer sind in der Zwischenzeit drei weitere Partner zum Netzwerk Naturwald hinzugekommen.

Forstdirektor Andreas Holzinger spricht über Käfer im Wald, dahinter Christoph Nitsch vom Netzwerk Naturwald. - © Christa Hager
Forstdirektor Andreas Holzinger spricht über Käfer im Wald, dahinter Christoph Nitsch vom Netzwerk Naturwald. - © Christa Hager

Derzeit gibt es im Projektgebiet des Netzwerk Naturwald drei dauerhaft gesicherte Trittsteine: Mit dem Rutschergraben und dem Steinwald in der Steiermark und dem Buglkar in Oberösterreich sind rund 115 Hektar dauerhaft unter Vertrag. Letztere sind im Eigentum der Österreichischen Bundesforste AG, die Entschädigung wurde 2015 überwiegend vom Bund finanziert. "Die Flächen werden nicht gekauft, sondern der dauerhafte Nutzungsverzicht wird einmalig abgegolten. Die Entschädigung kommt einem Kauf nahe, ist aber günstiger", verrät Projektleiter Nitsch. "Ein Vorteil ist, dass wir uns nicht um die Verwaltung der Fläche kümmern müssen."

Erster Trittstein im Verbund

Der erste Trittstein im Verbund, der Rutschergraben, gehört den Steiermärkischen Landesforsten. Er wurde 2014 mit den Mitteln einer Schweizer Stiftung dauerhaft außer Nutzung gestellt. Die Landesforste sind neben Wien die einzigen Waldbesitzer auf Landesebene. Gut 28.000 Hektar umfasst das gesamte Gebiet, davon sind rund 9.400 Hektar Ertragswald mit rund 30.000 Festmeter Einschlag. 

"Wir sind von zwei Schutzgebieten umgeben und versuchen, die Fläche dazwischen möglichst naturnah zu behandeln. Es gibt keinen Kahlschlag", sagt Andreas Holzinger, der Leiter der Forstdirektion. Dass man nicht mehr merkt, wo der Schutzwald aufhört und wo der Nutzwald anfängt, sei Ziel. Die Trittsteine beschreibt er als Win-win-Situation: "Die Flächen sind relativ günstig zu haben, sie sind meist sehr steil und entlegen und schwer zu erreichen. Wäre er leicht zu ernten, würde dort kein alter Wald mehr stehen." Holzernten wirken sich aber nicht nur auf den verbleibenden Bestand aus. Sind die Bäume einmal weg, geht auch der artenreiche Waldboden verloren. Aber auch schwere Maschinen oder Erosionen zerstören diese unterirdischen Lebensräume.

Biodiversitätsinseln

Derzeit verhandelt das Netzwerk wieder mit den Landesforsten über die Sicherung weiterer Trittsteine, hinzu kommen Gespräche mit privaten Waldbesitzern. Vom Bund wurden dafür rund 3,3 Millionen Euro bewilligt. Es geht um fünf bis sieben Trittsteine von rund 750 Hektar, davon drei oder vier neue Trittsteinflächen der Landesforste mit insgesamt 400 bis 500 Hektar. "Künftig werden auch die Biodiversitätsinseln der Bundesforste, die dauerhaft aus der Nutzung genommen werden, in das Netzwerk Naturwald eingebunden und mitgezählt. Eine neue Karte dazu ist schon in Arbeit", freut sich Christoph Nitsch. "Außerdem gibt es seitens des Bundes zwei Förderprogramme, die unsere Arbeit ergänzen."

Lungenflechte. - © Bock
Lungenflechte. - © Bock

Konkret sind das zwei Programme, die sich an Privatbesitzer richten. "Es ist gut, wenn auch kleine Waldbesitzer den Vertragsnaturschutz kennenlernen. Allerdings ist die Anschlussfinanzierung noch nicht geklärt. Verträge, die nach 10 oder 25 Jahren enden, bringen wenig. Eine dauerhafte Lösung ist wichtig", betont Nitsch. Doch auch die Energiekrise bringt Neues: "Die Erwartungen für Entschädigungen sind nun viel höher. Jeder argumentiert mit dem Holzpreis. Er bestimmt, ob es sich lohnt eine Fläche zu ernten oder nicht. Die Forsttechnik kennt keine Grenzen." In der Schweiz zum Beispiel werde Holz aus unwegsamen Gebieten sogar mit dem Hubschrauber geerntet. Daher sei es umso wichtiger, Trittsteine dauerhaft unter Vertrag zu nehmen. 

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