Viele kennen nur Mehlige oder Speckige, andere vielleicht noch einzelne Sorten wie Ditta, Sieglinde oder Bintje. Aber wer hätte gedacht, dass es über 4.800 Sorten von Kartoffeln gibt? Doch weil die Klimaerwärmung auch für Erdäpfel keine Ausnahme macht, ist diese Vielfalt bedroht und der weltweite Ertrag könnte bis 2060 - bei weiter wachsender Bevölkerung - um rund ein Drittel sinken, schätzt das Centro Internacional de la Papa (Internationales Kartoffelzentrum CIP) in Lima.

Mit etlichen Partnern ist dieses Kartoffelzentrum im Mutterland der Erdäpfel um den Erhalt der Vielfalt bemüht und forscht an der Entwicklung neuer Sorten, die mit den sich ändernden klimatischen Bedingungen zurecht kommen. Einen dieser Partner, den Parque de la Papa (Kartoffelpark) in den peruanischen Anden, hat die APA besucht. Hier haben sich die Landwirte von sechs Gemeinden nahe der Stadt Pisaq (Region Cusco) zusammengeschlossen, und bauen auf einer Höhe von 3.200 bis nahezu 5.000 Metern Erdäpfel noch so an, wie ihre Vorfahren schon lange vor dem Überfall der Spanier im 16. Jahrhundert. Alleine aufgrund des Höhenunterschieds ist eine große Sortenvielfalt möglich: Auf insgesamt 9.500 Hektar sind 1.430 verschiedene Sorten zu finden - in allen möglichen Größen und Formen und teils auch Farben. Laut CIP ist es eine von nur wenigen Initiativen der Welt, bei der Dorfbewohner biologische Ressourcen kombiniert mit traditionellem Wissen und wissenschaftlich begleitet verwalten und schützen.

Am Anfang waren Mini-Erdäpfel

"In unserer Region hat es ursprünglich drei Arten wilder Kartoffel gegeben, aus denen unsere heutigen Knollen hervorgegangen sind", schildert Lino Mamani Huarka, diesjähriger Vorsitzender der Agrargemeinschaft. Für diese Ur-Kartoffeln benötigt man fast schon eine Lupe: Denn die kleinste ist mitunter gerade erbsengroß, die größte der drei Sorten erreicht maximal zwei Zentimeter in der Länge und fünf Zentimeter Breite. Und auch heute noch werden die Kulturerdäpfel neben diese "Urväter" gepflanzt, weil den Bauern bewusst sei, dass die Kartoffeln dadurch widerstandsfähiger seien, so Huarka. In ganz Peru sind 78 Wildkartoffelarten bekannt, 69 darunter sind endemisch, kommen also nur dort vor.

Eine Aufgabe des 1998 gegründeten Kartoffelparks ist die Beobachtung, wie sich der Klimawandel auf die Biodiversität auswirkt. Und hier habe man inzwischen feststellen müssen, dass die Andensorten immer weiter nach oben gepflanzt werden müssen, um noch günstige Bedingungen vorzufinden. Allerdings ist in der Region bei 5.000 Metern über dem Meeresspiegel einfach Schluss. Außerdem versuchen die Bauern des Parque de la Papa auch, aus den verschiedenen Pflanzen Saatgut (nach der Blüte bilden sie kleine Beeren mit 100 bis 400 Samen) zu gewinnen. Das ist für den Anbau grundsätzlich nicht nötig, weil neue Pflanzen ja aus einer Knolle austreiben, allerdings ist die Vermehrungsrate mit Samen rund 150 Mal so hoch wie mit der Knollenvermehrung. Außerdem gibt es einen genetischen Unterschied: Über Knollenvermehrung entstehen Klone der Mutterpflanze, über Samen wachsen genetisch veränderte Erdäpfel. Im Parque de la Papa habe man inzwischen Saatgut von 1.376 Sorten gewinnen können, informiert Huarka.

In der Gen-Bank des CIP in der peruanischen Hauptstadt lagert das Genmaterial (und vielfach auch Saatgut) von 4.870 Anbau-Sorten, wobei der überwiegende Teil aus der Andenregion kommt. Darüber hinaus befindet sich dort Erbmaterial von 140 der 151 weltweit bekannten Wildkartoffelarten, die natürlich ebenfalls durch den Klimawandel bedroht sind: Bis 2050 könnten 13 Arten völlig aussterben und die Hälfte des Verbreitungsgebiets verloren gehen, heißt es im Kartoffelzentrum. Dabei spielen gerade diese wilden Arten bei der Züchtung neuer widerstandsfähiger Sorten eine wichtige Rolle.

Wichtiges Nahrungsmittel

Und genau das ist eines Ziele des CIP, denn Erdäpfel sind weltweit eines der wichtigsten Nahrungsmittel: Laut Welternährungsorganisation FAO sind sie nach Rohrzucker (1.870 Mio. Tonnen im Jahr 2020), Weizen (761 Mio. Tonnen) und Reis (757 Mio. bzw. geschält 505 Mio. Tonnen) mit 359 Mio. Tonnen die viertwichtigste Nahrungspflanze. Inzwischen hat das CIP Dutzende klimaresistente Kartoffel- und Süßkartoffelsorten durch Züchtung verbessert, die den Bauern helfen, mit immer häufigeren extremen Wetterereignissen fertig zu werden.

So wurden die dürre- und hitzetoleranten Sorten Tacna und Única nach der Entwicklung in der peruanischen Küstenwüste 2006 bzw. 2011 in China zu nationalen Sorten. Sie sind in der Lage, in salzhaltigen Böden mit einem Bruchteil des Wassers zu wachsen, das die meisten Kartoffeln benötigen, und werden seither in Regionen und Jahreszeiten angebaut, in denen es immer schwieriger wird, Nahrungsmittel zu produzieren. 2015 wurden diese Sorten in China auf einer Fläche von insgesamt 250.000 Hektar angebaut, das entspricht ungefähr der Fläche Vorarlbergs. Única hat es auch in Kenia Bauern ermöglicht, Kartoffeln in Trockenregionen anzubauen, und im Tiefland Tadschikistans wird diese Sorte in den Monaten gepflanzt, in denen es zu heiß für den Weizenanbau ist. (apa)