Wer Müll trennt, bewegt was, konstatiert die Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark (MA 48) in Wien und wirbt um den persönlichen Beitrag, "den jeder und jede Einzelne leisten kann". Info-Sujets informieren über Mülltrennung in "Altpapier und Karton" sowie "PET-Flaschen", doch es geht auch um recycelbare Abfälle wie Glas, Getränkekartons, Dosen, Biomüll und Bio-Plastik, das Hersteller gerne als Beitrag zum Klimaschutz präsentieren.

Innerhalb von 15 Jahren hat sich die globale Plastikproduktion auf knapp unter 400 Millionen Tonnen im Jahr (2021) nicht verringert, sondern verdoppelt. Obwohl täglich über Mikroplastik in Meeren und den Bäuchen von Fischen, in der Luft und im Boden berichtet wird, hört offenbar niemand auf die Alarmglocken. Kaum ein Lebensmittel ist ohne Plastikverpackung, kaum ein Kleidungsstück ist ohne Kunstfaser und kaum ein Gegenstand ist ohne Plastikanteil erhältlich.

Zur Verwertung ist ein Bericht der OECD unter dem Titel "Plastikverschmutzung wird gnadenlos mehr" von Anfang November aufschlussreich. Nur 9 Prozent des Plastikmülls werden recycelt. Die Hälfte landet in Mülldeponien, 22 Prozent verbleiben in der Umwelt und 19 Prozent werden verbrannt.

Doch immerhin: Neun Prozent sind besser als null. Zurück also zu jeder und jedem Einzelnen und einer typschen Konsumentin. Sie hat gerade keine Zeit, den Weg zum Markt zu nehmen, und schnappt eilig im Supermarkt vier plastikverschweißte Bio-Äpfel auf einer Styropor-Tasse. "Mit dem Bioabfall verwertbar" liest sie daheim beim Mampfen auf der Verpackung. Die Konsumentin ist skeptisch, wirft die Styro-Tasse in den Restmüll, legt die restlichen Äpfel in die Obstschale und beschließt, mit dem "Bio-Plastik" einen kleinen Test zu machen. Sie platziert es in der Kompostbox auf dem Balkon und wartet. Doch mit dem Kunststoff passiert nichts. Anders als der Apfelbutzen verrottet die Folie tagelang nicht.

Was ist Bio-Kunststoff?

60 Prozent der angeblich zu Hause kompostierbaren Kunststoffe zerfallen weder auf dem Komposthaufen noch in der Biotonne vollständig und landen unweigerlich in den Böden. Das berichten britische Forschende im Fachjournal "Frontiers in Sustainability" anhand einer Haushaltsstudie. Das "Big Compost Experiment" will die Effizienz von Recycling unter die Lupe nehmen. Befragte geben vor allem auch an, sich nicht auszukennen: Eine uneinheitliche Kennzeichnung von kompostierbaren und biologisch abbaubaren Kunststoffen stifte Verwirrung.

Was sind "Bio-Kunststoffe"? Können sie auf den Kompost oder müssen sie in die gelbe Tonne? Und kann man Picknickbesteck aus diesem Material im Wald liegen lassen? "Das sollte man auf gar keinen Fall tun", sagt die Umweltbiologin Ines Fritz von der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien und klärt Begrifflichkeiten. "Biobasierte und biologisch abbaubare Kunststoffe" sei der korrekte Begriff für Werkstoffe, "die sich haptisch und physikalisch wie Kunststoff verhalten, jedoch aus biogenen Rohstoffen hergestellt werden und alleine durch die Aktivität von Mikro-Organismen in überschaubarer Zeit wieder vollständig abgebaut werden können", sagt sie.

Allerdings bauen sich auch manche Polyester auf Erdölbasis ab, während gewisse Cellulose-Derivate biogenen Ursprungs es nicht tun. "Die Vorsilbe Bio ist von mehreren Industriezweigen unabhängig voneinander für verschiedene Dinge reserviert", sagt Fritz. Somit könne Bio-Plastik im Grunde gänzlich oder nur zum Teil aus biogenen Ressourcen bestehen, "die allerdings auch aus dem Regenwald stammen können".

Während Stoffkonstanten wie Dichte, Schmelzpunkt und Härte zum Material gehören, ist dessen Kompostierbarkeit auch eine Frage der Umweltbedingungen. Ähnlich wie eine Katze keine Karotten verdauen kann, können nicht alle Mikroben bei jeder Temperatur jede Nahrung verwerten. Was in dem einen Habitat sofort verspeist wird, zersetzt im anderen über Monate nicht.

Laut dem Fraunhofer Institut für Umwelt, Sicherheit und Energietechnik-Umsicht hat sich indes in landwirtschaftlichen Böden weltweit mehr Plastik angesammelt als in den Weltmeeren (2018). Synthetische Polymere, heißt es in dem Bericht, zerreiben sich zu mikroskopischen Teilchen und gelangen mit ihren Farbstoffen, Weichmachern UV-Protektoren in die Umwelt, mit durchaus schädlichen Wirkungen auf Menschen, Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen.

Fritz und ihr Team vom Department für Agrarbiotechnologie der Boku haben gezählt genau, wie viel Mikroplastik aus Kompost, Klärschlamm und Gärrest in die Böden der Felder, Wälder und Gärten Österreichs, Deutschlands und Italiens gelangt. Aus 71 Proben wurden organische und mineralische Stoffe abgetrennt und die verbliebenden Partikel mittles Lichtmikroskop bei bis zu 400-facher Vergrößerung gezählt. Allein in Österreich fanden sich zwischen vier Millionen und 26 Millionen Mikroplastikpartikel je Kilo Boden. Niederschläge tragen sie in tiefere Schichten zu Pflanzenwurzeln und weiter ins Grundwasser.

"Eine Frechheit"

Vom Gesamtgeschehen zurück zum Apfel: Um ihre Bio-Plastikverpackung zu entsorgen, müsste die Konsumentin in ihrem Biomüll-Behälter perfekte Bedingungen herstellen. Zuständig ist sie auf jeden Fall, denn sie hat die Verpackung gekauft. In ihrer Biobox muss sie laut einer Expertenberechnung 60 Grad herstellen, um ihr Eigentum binnen zwei Monaten vollständig abzubauen. Da das kaum möglich ist, bezahlt sie für die Entsorgung die Müllabfuhr und die wiederum verkauft ihr - über Umwege - die Energie aus der Müllverbrennung als Heizenergie zurück.

"Das ist von der Gesetzgebung her völlig korrekt, es ist bloß eine Frechheit", sagt Fritz. In einem System des billigen Plastiks sei selbst die korrektest mögliche Entsorgung durch Konsumenten ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Die Welt braucht ein ehrgeiziges Null-Prozent-Ziel für Kunststoffabfälle bis 2040", appellierten führende Kunststoffexperten an die Vereinten Nationen im Vorfeld der Klimakonferenz in Ägypten. Die Plastikproduktion zähle zu den Hauptursachen für den Klimawandel. Bis Redaktionsschluss stand ein solches Versprechen aus.