Berlin. Der Fischereibiologe Rainer Froese vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-Geomar in Kiel ist stocksauer: "Die gemeinsame Fischereipolitik Europas hält die Fischbestände vorsätzlich an der Grenze zum Kollaps!"

Diesen scharfen Angriff trägt der Naturwissenschafter nun auch in der renommierten Zeitschrift "Nature" (Band 475) vor und nennt gute Gründe für seine Attacke: Die Forscher liefern Jahr für Jahr fundierte Gutachten ab, in denen sie pingelig genau nachweisen, wie alle Beteiligten gemeinsam von einfachen Maßnahmen profitieren können: Die vor dem Kollaps stehenden Fischbestände könnten sich erholen, die Fischer sehr viel höhere Erträge als heute einfahren und die Verbraucher müssten für ein Fischgericht auch noch weniger bezahlen.

Einen Weg zu dieser Situation, die nur Gewinner kennt, hat Rainer Froese bereits vor einigen Jahren plakativ deutlich gemacht, als er Fischerei-Lobbyisten und Politiker mit einem Plakat mit der Aufschrift "Don’t eat babies!" konfrontierte. Heute fangen die Flotten der Europäischen Union möglichst alles, was die Fischerei-Quote erlaubt. Oft genug sind darunter auch viele junge Fische, die sich bisher kaum oder noch gar nicht fortgepflanzt haben.

Werden aber selbst schon die Jungen weggefangen, bleibt irgendwann zwangsläufig der Nachwuchs aus, und die Bestände brechen zusammen. 1992 passierte genau das bei den Kabeljau-Fischern von der kanadischen Insel Neufundland. Dort blieben plötzlich die Netze der Fischer leer, der Kabeljau schien aus diesem Teil des Atlantischen Ozeans verschwunden zu sein.

Etwa 10.000 Fischer und 20.000 weitere Beschäftigte in der Fischereiindustrie verloren über Nacht ihre Jobs. 700 Millionen Euro weniger registriert die kanadische Volkswirtschaft jedes Jahr durch den Kabeljau-Kollaps, besagt eine Studie der Naturschutzorganisation WWF. Noch heute wird in dieser Region kein Kabeljau mehr gefangen, weil sich die Bestände trotz eines völligen Fangverbotes noch nicht erholt haben.

Maschenweite der Netze sollte größer sein

Wie sich diese Situation verhindern lässt, zeigt Rainer Froese am Beispiel der Ostsee für den gleichen Fisch, der dort Dorsch heißt: "Dort sollten nach der Laichzeit nur Dorsche gefischt werden, die mindestens 80 Zentimeter lang sind", erklärt der Forscher.

In der Ostsee wird der Dorsch meist mit drei Jahren geschlechtsreif, pflanzt sich dann jedes Jahr fort und wächst dabei immer weiter. Mit acht Jahren ist der Ostsee-Kabeljau dann etwa 80 Zentimeter lang und hat sich bereits fünfmal fortgepflanzt. Verwenden die Fischer Netze mit einer Maschenweite, durch die alle kleineren Dorsche entkommen können, fangen sie nur die Oldtimer.

Mit vielen Computersimulationen zeigen Rainer Froese und seine Kollegen, dass sich dann die Bestände erholen und die Fischer nach nur fünf Jahren einen vierfach höheren Gewinn einfahren würden. Weshalb die USA, Australien und Neuseeland solchen einfachen Wegen folgen, die Europäische Union aber nicht und Jahr für Jahr viel zu hohe Fangquoten erlaubt, weiß Rainer Froese auch nicht genau. Schuld könnten zum Beispiel die Lobbyverbände tragen, vermutet der Forscher.

Dass es auch ohne Regierung und Lobby geht, zeigen die Krabbenfischer in der Nordsee: Sie fangen freiwillig jedes Jahr weniger Krabben als im gleichen Zeitraum nachwachsen. Daher wachsen die Bestände, und die Krabbenfischer sichern sich für viele Jahre ein gutes Einkommen.