Berlin. Frauen müssen ja auch nicht alles wissen. Auf diesen Standpunkt scheinen sich zumindest männliche Kanarienvögel zu stellen. Die gelben Casanovas sind sich offenbar durchaus darüber im Klaren, ob sie gerade von ihrer Partnerin beobachtet werden oder nicht. Entsprechend verändern sie ihr Verhalten. Während sie im einen Fall einen möglichst guten Eindruck zu machen versuchen, schlagen sie im anderen öfter mal über die Stränge.

Über diesen Fall von männlichem Pragmatismus berichten Gérard Leboucher und seine Kollegen von der Université Paris Ouest in Nanterre im Fachjournal "Plos One". Wissenschafter kennen schon etliche Fälle, in denen sich Tiere vor Publikum anders benehmen, als wenn sie sich unbeobachtet glauben.

Schimpansen-Weibchen zum Beispiel stoßen während der Paarung oft bestimmte Schreie aus - allerdings auch nicht immer. Wann sie rufen und wann lieber schweigen, haben Simon Townsend und Klaus Zuberbuhler von der University of St. Andrews in Großbritannien bei einer Affengruppe in Uganda untersucht. Demnach verhalten sich die Tiere besonders ruhig, wenn höherrangige Geschlechtsgenossinnen in Hörweite sind. Sie wollen offenbar keine stärkere Rivalin auf den Plan rufen, die ihnen einen attraktiven Partner abspenstig machen könnte.

Den nächsten Verwandten des Menschen mag man ein so berechnendes Verhalten ja ohne weiteres zutrauen. Kanarienvögel aber gelten nicht unbedingt als die Einsteins der Tierwelt. "Anders als Papageien oder Raben sind sie bisher weder für besondere geistige Fähigkeiten noch für ein ausgefeiltes Sozialleben bekannt", schreiben die französischen Forscher. Das hindert die Tiere aber nicht daran, ihr Benehmen sorgfältig auf ihr Publikum abzustimmen.

In ihren Versuchen hatten die Wissenschafter zunächst ein Kanarien-Männchen mit einem paarungsbereiten Weibchen zusammengesperrt. Der Nachbarkäfig war bei einigen Durchgängen leer, bei anderen saß darin die Partnerin oder eine entferntere Bekannte des getesteten Vogels. Dieser Unterschied war den Männchen offenbar durchaus klar. Unter den Augen ihrer Lebensgefährtin machten sie dem Tier in ihrem Käfig viel weniger Avancen, als wenn ein anderes Weibchen oder gar niemand zuschaute.

Das ist auch durchaus vernünftig. Schließlich leben Kanarienvögel zumindest offiziell in einer monogamen Beziehung. Und Vogelweibchen wissen sich für Betrugsversuche durchaus zu revanchieren. Manche investieren weniger Zeit und Energie in ihren Nachwuchs, andere gehen selbst häufiger fremd und wieder andere lassen sich scheiden. Da reißt man sich vor seiner Partnerin doch lieber zusammen.

Weibliches Publikum macht Männchen aggressiver

In anderen Situationen dagegen wirkt deren Anwesenheit eher beflügelnd. So haben die französischen Forscher in einer zweiten Testreihe zwei Männchen zusammengesperrt, die seit zwei Stunden nichts gefressen hatten. Servierten die Wissenschafter dann Körner und Apfelstücke, hatten die hungrigen Vögel wenig für lästige Konkurrenten übrig und gerieten sich häufig in die Federn.

Schaute dabei ein Weibchen zu, gebärdeten sie sich viel aggressiver, als wenn der Nachbarkäfig leer war. In diesem Fall machten sie allerdings keine Unterschiede zwischen der Lebensgefährtin und einer bloßen Bekannten.

Auch dafür haben die Forscher eine Erklärung. In weiblichen Augen als Verlierertyp dazustehen, ist für die Männchen demnach generell schlecht. Wenn die eigene Partnerin das mitbekommt, lässt sie sich vielleicht eher zum Fremdgehen hinreißen. Und auch andere Weibchen dürften wenig Interesse haben, sich mit einem offensichtlichen Versager einzulassen. Also gilt es in jedem Fall, den starken Mann zu markieren. Was man als erfolgreicher Kanarien-Casanova nicht alles beachten muss.