Peking/Wien. (apa/est) Auf der Welt entstehen ständig neue Influenza-Viren. In China infizieren sich seit gut einem Jahr Menschen am A(N7N9)-Virus. Ähnlich wie sein Vorläufer, A(H5N1), wird es mit Geflügel in Zusammenhang gebracht und gilt als "Vogelgrippe". Wissenschafter haben nun einen neuen Erreger identifiziert: A(H10N8). Eine Frau aus Nanchang City ist daran gestorben.

"An sich ist es nicht außergewöhnlich, dass es immer wieder neue Vogelgrippe-Viren gibt. Jetzt wird aber eben genauer hingeschaut", erklärt Franz Xaver Heinz, Leiter des Departments für Virologie der Medizinuniversität Wien. Die chinesischen Wissenschafter und Behörden seien in dieser Hinsicht sehr aktiv, "nicht zuletzt auch, weil es lange hieß, Vogel-Influenza-Viren seien für den Menschen nicht gefährlich. Aber dann kam A(H5N1)."

Anpassung an Säugetiere

Im Jänner berichtete die Abteilung für Krankheitskontrolle in Nanchang City vom ersten Fall einer Infektion mit dem neuen Virus A(H1N8). "Eine Frau im Alter von 73 Jahren wurde am 30. November mit Fieber ins Spital aufgenommen. Sie entwickelte multiples Organversagen und starb neun Tage nach Beginn der Krankheit", so HaYing Chen von der Abteilung für Krankheitskontrolle. Im Bronchialsekret sei schließlich das neue Virus identifiziert worden. Geflügelmärkte mit Lebendgeflügel werden als Ursache verstanden. Die Verstorbene war vier Tage vor der Infektion auf einem solchen Markt gewesen - das wäre eine typische Inkubationszeit für Vogelgrippeviren. Direkt nachgewiesen werden konnte H10N8 in Proben von dem Markt nicht, in der Provinz Jiangxi sei aber Ende Jänner eine weitere Erkrankung entdeckt worden. "Das bereitet große Sorgen, weil es zeigt, dass das H10N8-Virus sich verbreitet und mehr menschliche Infektionen auslösen kann", warnt Mingbin Lin vom Gesundheitsamt in Nanchang in einer im britischen Fachjournal "The Lancet".

Zuvor war das Virus nur zwei Mal nachgewiesen worden: 2007 in einer Wasserprobe im Dongting-See in der Provinz Hunan und 2012 in einem Geflügelmarkt in der Südprovinz Guangdong. Die nunmehrige Erbgut-Analyse zeige allerdings, dass H10N8 sich verändert habe. Es habe genetische Eigenheiten entwickelt, die es ihm erlauben könnten, "sich in Menschen rasch zu vervielfältigen", erläutert Mitautor Yuelong Shu von der Pekinger Gesundheitsbehörde im "Lancet".

Das Virus habe eine Mutation in einem Gen, von dem vermutet werde, dass es mit erhöhter Ansteckungsfähigkeit und Anpassung an Säugetiere in Verbindung stehe, so Qi Jin von der Akademie der Medizinwissenschaften in Peking. "Es könnte ihm ermöglichen, für Menschen ansteckender zu werden. Das pandemische Potenzial sollte nicht unterschätzt werden."

Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass H10N8 sich in Mäuse-Lungen wirksam vervielfältigt und dass sich seine Pathogenität dabei erhöht. Außerdem hatten genetische Analysen ergeben, dass alle Gene des Virus von Vögeln stammen, sechs interne Gene dabei vom Vogelgrippevirus A(H9N2). Infektionsketten von Mensch zu Mensch wurden aber bisher nicht beobachtet. Das wäre ein Alarmzeichen.

Bei der Entstehung von Grippeviren spielt die Evolution Roulette. Durch die Neukombination der Erbsubstanz verschiedener Virusstämme aus verschiedenen Tierarten tauchen immer neue Erreger auf. Ostasien gilt als Brutstätte. Ein Reservoir für Erreger sind Wasservögel, die als Wandervögel etwa in Reisfeldern herumstaksen. Hausgeflügel wird über Exkremente infiziert. Das Hausschwein wiederum ist für Grippeerreger von Vögeln und vom Menschen ein Wirt mit Co-Infektionen, die eine Neuverteilung ermöglichen. Wenn dann auch noch Tier und Mensch eng zusammenleben, können Viren leicht überspringen. Die Zahl der Varianten im Lotto-Spiel der Evolution ist praktisch unbegrenzt.