Berlin. Während der Osterhase klammheimlich die Eier bringt, strotzt das Original in Feld und Flur vor Selbstbewusstsein: Schleicht sich ein Fuchs an, sprintet der Feldhase jedenfalls nicht, wie es die Zoologie-Lehrbücher verlangen, Haken schlagend davon, sondern richtet sich hoch auf und fixiert den anpirschenden roten Räuber. Meister Lampe will ja nicht als Verlierertyp dastehen. Außerdem bringen die Feldhasen - nicht zu verwechseln mit Kaninchen - dem Fuchs so gleich zwei Botschaften: "Ich habe dich doch längst gesehen. Und Angst habe ich keine vor dir, ich bin schließlich viel schneller als du."

Diese Demonstration der Stärke kommt an: Das rostrote Raubtier zieht ab und verlegt sich stattdessen auf die Mäusejagd. Eine Studie auf englischen Feldern zeigt dann auch glasklar: Allenfalls in zehn Prozent aller Fälle wird das sprichwörtliche Hasenpanier ergriffen, meist schleicht der Fuchs als Verlierer vom Platz. Von diesem Verhalten profitieren beide Kontrahenten: Der Hase spart sich die hohen Energiekosten einer Flucht, auf der er ein Tempo von 70 Kilometern pro Stunde erreichen kann. Der Fuchs verschwendet keine Energie für eine nicht sehr aussichtsreiche Verfolgungsjagd.

Schwankende Zahlen

Der Appetit des roten Räubers auf Hasenbraten kann also kaum der Grund dafür sein, dass der Feldhase als "gefährdet" auf der Roten Liste zu finden ist und die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild die von Zoologen Lepus europaeus genannte Art zum Tier des Jahres 2015 gekürt hat. "Herausragend geht es den Hasen also nicht, grottenschlecht aber auch nicht", umschreibt der Biologe Ulrich Voigt vom Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover die Situation der Langohren. So gingen die Hasenzahlen bereits seit den 1960er Jahren in Mitteleuropa kräftig zurück. Ungefähr zwischen 1997 und 2004 erholten sich die Bestände ein wenig, um seither wieder abzunehmen.

Die Gründe für diese Schwankungen sind nicht genau bekannt, doch Hasenforscher können den Täterkreis einschränken. Ulrich Voigt: "Ein Schlüsselfaktor ist offensichtlich, wie viele Junghasen überleben und erwachsen werden." Sind die Mümmelmänner erst einmal groß, scheinen sie recht sicher über die Felder zu hoppeln. Jedes Jahr zwischen Februar und August stellen sie ihre Fruchtbarkeit unter Beweis: Erst einmal treten die Rammler genannten Männchen gegeneinander zum Wettrennen an, bei dem sie ein Weibchen verfolgen. Der Sieger ist allerdings noch nicht am Ziel, zunächst einmal muss er noch mit den Vorderpfoten einen Boxkampf mit seiner Auserwählten ausfechten.