Sie wollen uns einschüchtern, verängstigen, bedrohen: Wölfe. Oder Menschen: "Nachtwölfe", nationalistische russische Biker; "Graue Wölfe", rechtsextreme türkische Nationalisten; "einsame Wölfe", sich selbst radikalisierende und terroristische Einzeltäter; "Werwölfe", Geisteskranke, die vom Wahn einer körperlichen Transformation in einen meist Menschen mordenden Wolf befallenen waren, oder denen man dies unterstellte. Später nannten sich die nationalsozialistischen Freischärler so.

Wenn Menschen sich gegen ihresgleichen wenden und Angst auslösen wollen, nutzen sie auffallend häufig und über die Jahrhunderte hinweg den Wolf als Alter Ego. Warum gerade ihn? Weil Wölfe Menschen angreifen? Diese Antwort ist einfach, aber falsch: Menschen fallen schlichtweg nicht in das Beuteschema von Wölfen, wir sind unberechenbar und das Risiko ist für den Wolf zu hoch. Anders als Pferde oder Rinder verteidigen sich Menschen seit jeher unvorhersehbar, und auch ohne Schusswaffen sind bewaffnete Erwachsene einem einzelnen Wolf meist überlegen. Selbst der berühmte riesige Wolf von Gévaudan im Languedoc konnte von fünf Kindern mit eisenbeschlagenen Stöcken vertrieben werden. Freilich gab es für Menschen tödliche Begegnungen mit Wölfen, aber unsere geradezu panische Angst vor dem Wolf ist völlig irrational. Wären wir je seine Beutetiere gewesen, wir hätten ihn nie zum Hund domestiziert.

Warum also fürchten wir uns gar so sehr vor dem Wolf? Eine handschriftliche Chronik berichtet, dass im Jahre 1555 in Erfurt für einige Wochen ein Wolf "den Weibsleuten nachlief, sie herzte und drückte, ihnen aber keinen Schaden that; doch erschreckten manche vor ihm, dass sie totkrank davon wurden". Na, so was!

Der kleine Schafdieb

Die unbestritten größte Bedrohung für den Menschen sind andere Menschen. Aber muss nicht der Wolf zumindest annähernd so bedrohlich für uns sein oder zumindest gewesen sein, damit die Lebensweisheit "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" seit 2200 Jahren gelten kann? Wer sich die Mühe macht, das Bonmot in der lateinischen Komödie "Asinaria" von Plautus im ursprünglichen Wortlaut nachzulesen, sieht, dass es der Kaufmann ist, der mit der Begründung "Lupus est homo homini" dem frechen, ihm unbekannten Sklaven sein Geld nicht anvertraut. Hätte man Wölfe statt der Bullen und Bären (die im tatsächlichen Leben für Menschen eine weit größere Gefahr als Wölfe sind) an der Börse - jegliches Vertrauen in die Finanzmärkte wäre dahin.

Der Wolf steht bei Plautus also lediglich für ein nicht vertrauenswürdiges Gegenüber, für einen Dieb. Und genau das ist der Wolf: mit 50 cm Schulterhöhe ein eher kleiner Schafdieb. Doch unsere tiefsitzende Angst vor dem Wolf liegt nicht nur an 2000 Jahren Christentum, in dem die Identifikation des Menschen mit dem Schaf eine besondere Rolle spielt. Schafe waren, nachdem wir sesshaft geworden waren und die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation gezogen hatten, unser erstes Eigentum. Der Wolf ist der erste Dieb, der in den neu geschaffenen Bereich der Zivilisa-
tion eindringt, die Besitzverhältnisse stört und damit die soziale Ordnung der Gesellschaft bedroht. Denn ein Dieb stiehlt mit dem Eigentum ja einen Teil der Persönlichkeit des Eigentümers. Auch heute fühlen wir, dass Diebe, die unsere intimen Daten aus den Lagerräumen im Cyberspace stehlen, Macht über uns haben. Diebe durchbrechen die Regeln, auf denen eine Gemeinschaft aufgebaut ist - sei es die traditionelle Dorfgemeinschaft, sei es das Global Village im World Wide Web.

Anhand zahlreicher germanischer Stammesrechte weist der Jurist und Historiker Walter Koschorreck sehr plausibel nach, dass diese Sicht auf den Wolf als Dieb maßgeblich die Gesetze im frühen Mittelalter bestimmt hat, Gesetze, die, wie etwa der "Sachsenspiegel", teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert gültig waren.

Ein Dieb stiehlt Vertrauen, die Grundlage einer Gemeinschaft, ist also ein im Wortsinn gemeingefährliches Wesen, und bietet sich damit als Identifikation jener an, die die Gesetze der menschlichen Gemeinschaft negieren. Nicht nur Diebstahl und Raub, auch Inzest, Verwandtenmord, Treulosigkeit, Falschspielerei, Religionsfrevel - alles, was das Zusammenleben und die Wahrung des Eigentums gefährdete, galt als wölfische Eigenschaft.

In der frühen Vorstellung benehmen sich Diebe, Mörder und Frevler nicht nur wie Wölfe, sie sind Wölfe. Sie müssen Wölfe in Menschengestalt sein, denn echte Menschen können aufgrund ihrer Menschennatur solch böse Verbrechen einfach nicht begehen. "Ich fürchte, die Natur selbst hat dem Menschen einen Zug Unmenschlichkeit eingepflanzt" - auch Montaigne kann es nicht anders ausdrücken. "Menschlich" ist bis heute ausschließlich positiv formuliert. Die alten Griechen haben den Wolf trefflich charakterisiert: Autolykos - der leibhaftige, wahre Wolf - ist der Meisterdieb der griechischen Mythologie, der Großvater des listen- und lügenreichen, des hinterhältig-bösartigen Odysseus.