Berlin. Tintenfische gelten im Allgemeinen nicht als einfallsreiche Liebhaber. Während sich viele Vogelarten im Frühling in komplizierte Paarungsrituale verstricken und selbst Spinnen auf verschlungenen Wegen zur Sache kommen, scheint die Evolution diesen Weichtieren ein langweiliges Sex-Leben beschert zu haben. Doch der Schein trügt. Hinter den Kulissen spielt sich deutlich mehr ab, als Forscher bisher vermutet hatten - von der innigen Umarmung bis zum tödlichen Beziehungsdrama.

Das alles ist allerdings schwer zu beobachten. Denn selbst im Aquarium ist keineswegs jeder Oktopus bereit, sein Intim-Leben vor den Augen voyeuristischer Biologen auszubreiten. Offenbar sind sich die Tiere durchaus darüber im Klaren, wann sie beobachtet werden - und halten sich dann dezent zurück. "Das sind unglaubliche Heimlichtuer", sagt Roy Caldwell von der University of California in Berkeley. "Und wenn Du sie anschaust, schauen sie einfach zurück." Kein Wunder also, dass die Oktopus-Erotik der Wissenschaft so lange verborgen geblieben ist.

Wie die Paarung rein technisch funktioniert, war klar. Die Männchen nutzen dafür einen speziellen Arm, der im Alltag genauso funktioniert wie die sieben anderen. Doch wenn es zur Sache geht, schwillt das Gewebe an seinem Ende wie bei einem menschlichen Penis an. Dann kann sein Besitzer ihn in den Körper des Weibchens schieben, um es zu befruchten. Und das dauert: Mindestens ein Sperma-Paket zu übertragen, kann bei großen Arten mehr als eine halbe Stunde dauern.

Manche Kraken-Casanovas halten ihre Partnerin in ihren sieben freien Armen. Doch das scheint in Oktopus-Kreisen eine eher ungewöhnliche Stellung zu sein, die vor allem bei Arten mit kurzen Armen populär ist. Vielen anderen Männchen geht so viel Intimität deutlich zu weit. Vor allem, wenn sie kleiner und schwächer sind. Statt sich ihrer Partnerin in die Arme zu werfen, bleiben sie auf Distanz und strecken nur den Paarungsarm nach ihr aus. Und wenn sich das Weibchen in eine Felsspalte zurückgezogen hat, bleiben sie beim Sex manchmal sogar vor dem Eingang sitzen.

Weibchen als Kannibalinnen


Diese Vorsicht ist auch angebracht. Denn so manche Gespielin entpuppt sich nach dem Akt als Kannibalin, die ihren Partner verspeist. Da hält man doch lieber eine Armeslänge Abstand. Mindestens. Der Algen-Oktopus, der in Indonesien, und Australien lebt, kann seinen Paarungsarm sicherheitshalber sogar auf das Doppelte seiner normalen Länge ausstrecken. Und die Männchen der als "Argonauten" bekannten Papierboote gehen noch einen Schritt weiter: Sie trennen sich kurzerhand von ihrem Fortpflanzungsorgan, lassen es mitsamt der Spermienpakete im Körper des Weibchens zurück und machen sich aus dem Staub.