Wien. Jährlich zum Europäischen Antibiotikatag am heutigen Freitag und damit rechtzeitig zum Aufbrausen der ersten Infektwellen rücken Experten aus der Medizin und Pharmazie den vernünftigen Einsatz von Antibiotika in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Antibiotika gelten als Meilenstein in der Medizin. Zahlreiche Erkrankungen sind dank ihrem Einsatz gut behandelbar. Doch 75 Prozent der Substanzen kommen immer noch bei viralen Infekten zum Einsatz, obwohl Penicillin und Co. Viren gar nichts anhaben können, vermelden Mediziner. In Deutschland gibt es laut Studien gar 60 Prozent Fehlverordnungen, in Österreich dürfte es ähnlich sein.

Leichtes Spiel für Keime

Bakterien haben in Folge noch leichteres Spiel. Denn werden Antibiotika ohne Notwendigkeit oder aber auch falsch eingenommen, werden Resistenzen der Keime gegenüber diesen Substanzen gefördert. In der EU sind jährlich 25.000 Tote aufgrund solcher Resistenzen zu beklagen. Die WHO rechnet bis zum Jahr 2050 mit etwa zehn Millionen Todesfällen weltweit pro Jahr als Folge von Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen, sollten die Resistenzraten weiterhin ansteigen. Auch längst ausgerottet geglaubte Seuchen können nämlich durch unüberlegten Einsatz wieder zurückkommen.

In erster Linie gelte es daher, die Antibiotikagaben durch den Arzt zurückzufahren. Die Pharmaindustrie arbeitet zwar an neuen Substanzen, auch welche, die existierende Resistenzen überwinden sollen, aber die Zeitspannen bei Medikamentenentwicklungen ziehen sich in der Regel über durchschnittlich zwölf Jahre.

Zum Gegensteuern dieser Entwicklung hat auch die Natur nachgewiesen einige Schätze zu bieten. Vor allem im Bereich von Infektionen der oberen Atemwege können Efeu, Thymian, Pelargonium und Co. laut Medizinern Linderung verschaffen. So wird etwa die Wurzel der Kapland-Pelargonie in Südafrika seit Jahrhunderten traditionell unter anderem bei Atemwegserkrankungen verwendet. Sie interagiere mit verschiedenen Rezeptoren im Organismus und wirke antiviral, antibakteriell sowie schleimlösend, betonte Hermann Stuppner vom Institut für Pharmazie an der Uni Innsbruck am Donnerstag vor Journalisten. In vielen Fällen seien pflanzliche Arzneimittel wesentlich wirkungsvoller und auch nebenwirkungsärmer. Als besonders effektive Wirkstoffe gelten Saponine, wie sie in Efeu enthalten sind, ätherische Öle, etwa Thymian, Alkaloide wie in der Pestwurz und Schleimstoffe bei Spitzwegerich und Eibisch.

Gerade bei Kindern sei der Einsatz von Pflanzenpräparaten sehr beliebt, so Peter Voitl, Ärztlicher Leiter am Ersten Wiener Kindergesundheitszentrum Donaustadt. 97 Prozent der Infekte seien viraler Natur - bedürfen demnach keinen Einsatz von Antibiotika. Zwar würde für Kinder nur für wenige solcher Präparate ein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis vorliegen, aber die Erfahrungen in der Praxis seien "durchaus positiv".

Einige Substanzen aus der Schatzkiste der Natur seien auch geeignet, den Antibiotikabedarf zu reduzieren. Besonders hob er dabei die Kapland-Pelargonie hervor. Sie "steigert den Selbstreinigungsprozess der Bronchien und hemmt das Anhaften und Eindringen von Bakterien in die Zellen des Atmungstraktes", so Voitl.

Ein Teufel vertreibt Bakterien

Kurios muten Berichte australischer Wissenschafter an. Demnach könnte im Kampf gegen multiresistente Keime ein Beuteltier helfen, wie sie unlängst im Fachblatt "Scientific Reports" berichteten. Denn die in der Muttermilch des Tasmanischen Teufels vorhandenen Peptide würden besonders widerstandsfähige Bakterien abtöten - darunter Staphylokokken und Enterokokken, die gegen starke Antibiotika resistent sind. Die Natur scheint für den Menschen also noch einiges bereitzuhalten.