Siebenschläfer können ein Alter von bis zu 13 Jahren erreichen. - © Vetmeduni Vienna
Siebenschläfer können ein Alter von bis zu 13 Jahren erreichen. - © Vetmeduni Vienna

Wien. (gral) Mit fortschreitender Alterung verkürzen sich sowohl beim Menschen als auch bei Tieren, Pflanzen oder Pilzen die Schutzkappen des Erbguts - die sogenannten Telomere. Der Siebenschläfer allerdings stellt die Telomerforschung völlig auf den Kopf, wie Wissenschafter der Veterinärmedizinischen Universität Wien nun herausfanden. Bei den kleinen Nagern verlängern sich nämlich die Telomere im Alter. Dies zeigt sich etwa in einer zum Vergleich mit anderen Tieren ihrer Größe besonders langen Lebensspanne von bis zu 13 Jahren. Zudem steigt bei Siebenschläfern die Wahrscheinlichkeit, sich fortzupflanzen, mit zunehmendem Alter an.

Schutzkappen des Erbguts

Nur Eukaryoten, also Lebewesen, deren Zellen einen echten Zellkern haben, besitzen auch Telomere. Sie schützen die Erbinformationen in den Chromosomen, damit die ordnungsgemäße Funktion der Zelle erhalten bleiben kann. Vorstellen kann man sich die Telomere wie die Plastikkappen an Schuhbändern. Sind diese nicht vorhanden, fransen sie aus.

Im Laufe des Alters reiben sich diese Schutzkappen quasi ab. Sie werden bei jeder Zellteilung kürzer und können irgendwann die Chromosomen nicht mehr schützen. Die ungeschützten Enden senden Signale aus, die dafür sorgen, dass sich die Zelle nicht mehr teilt - in letzter Konsequenz stirbt sie ab.

Telomere verkürzen sich aber nicht nur mit jeder Zellteilung in den normalen Körperzellen. Auch der sogenannte oxidative Stress, also das vermehrte Auftreten von schädlichen, freien Radikalen in einer Zelle - etwa durch Erkrankung oder Umwelteinflüsse -, spielt eine entscheidende Rolle bei ihrem Abbau.

Die Forscher untersuchten in einer Langzeitstudie die Veränderung der Telomer-Länge von frei lebenden Siebenschläfern. Mehr als drei Jahre lang sammelten sie Mundschleimhautproben von Tieren aus 130 Nistkästen im Wienerwald. Aus den Hautzellen wurde das Erbgut der Tiere gewonnen. Die Forscher stellten fest, dass die Telomerlänge bei jüngeren Tieren von zwischen ein bis fünf Jahren abnahm, bei Siebenschläfern ab einem Alter von sechs Jahren aber wieder zunahm, berichtet das Team um den Populationsökologen Franz Hölzl im Fachblatt "Scientific Reports".

Bremse der Alterung

Demnach hatte nur das Alter einen signifikanten Effekt auf die Telomerlänge. Sie war weder vom Geschlecht der Tiere noch vom Zeitpunkt der Probennahme oder dem Körpergewicht abhängig, so die Forscher. Auch eine Abhängigkeit von der Fortpflanzungsaktivität konnte nicht nachgewiesen werden. Tatsache ist aber, dass die Wahrscheinlichkeit, sich fortzupflanzen, im zunehmenden Alter ansteigt. "Das könnte darauf hindeuten, dass Siebenschläfer ihre Telomere in Vorbereitung auf zukünftige Reproduktionsereignisse verlängern. Denn gerade Trächtigkeit und Laktation können den oxidativen Stress erhöhen. Die Verlängerung der Telomere könnte damit einen Schutzmechanismus für die Zellen in dieser Phase darstellen."

Beim Menschen verhindert das Enzym Telomerase den allzu schnellen Abbau der Schutzkappen. Allerdings ist die Telomeraseaktivität nicht ausreichend, um den Alterungsprozess der Zelle zu umgehen. Diese Aktivität scheint aber beeinflussbar zu sein, wie Forschungen auch zeigen. Veränderungen des Lebensstils hin zu mehr Bewegung, gesünderer Ernährung und Entspannungseinheiten könnten dazu führen. Denn neben dem oxidativen Stress verkürzen auch psychischer Stress und Entzündungsreaktionen im Körper die Telomere.

Diese Frischhaltekur, die bei den Siebenschläfern offenbar von Natur aus gegeben ist, kann sich der Mensch nur selbst aufoktroyieren - aber immerhin auch mit gewissem Erfolg.