Pisa/Wien. Der 14. September 2015 gilt als die Geburtsstunde der Gravitationswellen-Astronomie. Erstmals waren zu diesem Zeitpunkt jene Schwingungen gemessen worden, die den Wissenschaftern Zugang zum größten Teil des Universums verschaffen. Dass es sie gibt, hatte schon Albert Einstein vorhergesagt - nachgewiesen wurden sie allerdings erst 100 Jahre später.

Die Aufregung war dann auch groß, denn mit dem neuen Sinnesorgan können die Forscher den Weltraum belauschen - und zwar auch dessen dunkle Seite. Nun haben Astronomen zum vierten Mal Gravitationswellen nachgewiesen. Das Besondere daran: Sie nutzten erstmals auch einen europäischen Detektor.

Öffentlichkeitswirksam

Anhand der aufgezeichneten Signale schließen die Astronomen auf Verschmelzungen zweier Schwarzer Löcher, die die Raumzeit schon vor Milliarden von Jahren zum Schwingen gebracht hat. Diese Messungen sind nobelpreisverdächtig und werden seither auch dementsprechend gehandelt. Gerade im Vorfeld der anstehenden Nobelpreiswoche, in der die Auszeichnungen für Medizin, Physik und Chemie in Stockholm bekannt gegeben werden, kommt der jüngsten Verkündung eine besondere Rolle zu.

Öffentlichkeitswirksam präsentierten die Forscher am Rande des jüngsten Treffens der G7-Wissenschaftsminister im italienischen Turin ihre neuesten Ergebnisse. Dieses Mal war an der Messung allerdings eben nicht nur der Gravitationswellendetektor Ligo an seinen zwei Standorten in den US-Bundesstaaten Washington und Louisiana beteiligt, sondern auch der europäische Detektor Virgo in der Nähe von Pisa. Die Beobachtung hatte erst am 14. August stattgefunden.

Die Verkündung war dieses Mal übrigens viel schneller erfolgt als bei den vorherigen drei Messungen. Damals hatten sich die Forscher mit ihrer Publikation immerhin jeweils ein knappes halbes Jahr Zeit gelassen, um ihre Ergebnisse auch noch genauer und detailreicher analysieren zu können.

Erstmals mit drei Detektoren

Ob der frühe Vorstoß unmittelbar vor der Bekanntgabe der Nobelpreise Aufmerksamkeit für das Forschungsfeld erregen soll, ist möglich. Immerhin waren die Entdecker letztes Jahr leer ausgegangen, da die erste Messung erst nach der Deadline für die Preisvergabe publiziert worden war.

Der aktuelle Nachweis ist der erste, der mit allen drei Detektoren bestätigt werden konnte, wodurch auch die Richtung der Quelle wesentlich besser bestimmt werden kann. Das kosmische Treiben hat den Wissenschaftern zufolge am Südhimmel zwischen den Sternbildern Eridanus und Horologium stattgefunden - in rund 1,8 Milliarden Lichtjahren Entfernung, wie sie im Fachblatt "Physical Review Letters" berichten. Dabei sollen zwei relativ massereiche Schwarze Löcher kollidiert sein - eines mit rund 31 Sonnenmassen, das andere mit 25 - und die Kräuselungen in der Raumzeit verursacht haben. Gerüchte um einen erneuten Nachweis machten zuletzt bereits die Runde.

Die Gravitationswellen ermöglichen, anders als herkömmliche Messinstrumente, sowohl Dunkler Materie als auch Dunkler Energie auf die Spur zu kommen, skizzierte der Physiker Karsten Danzmann erst im August in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" die Chancen der neuen Methodik. Bisher sind "wir taub durch ein dunkles und sehr lautes Universum gelaufen wie durch den Urwald bei Nacht". Mit den Gravitationswellen werde diese dunkle Seite zugänglich - "sie kann man bis zum Urknall hören", betont Danzmann.

In der kommenden Woche werden auf jeden Fall alle Augen nach Stockholm gerichtet sein, wo die Träger der diesjährigen naturwissenschaftlichen Preise vom Nobelpreiskomitee verkündet werden.