Linz. Trockene Erde rieselt wie Sand durch Manfreds Finger. Der Bauer starrt auf den rissigen Boden. Skeptisch hebt er den Blick zu den morschen Ästen über ihm. "Alles dürr, alles kaputt", brummt er und schüttelt den Kopf. Die Wiese hinter ihm ist eine braune Fläche aus versengten Grashalmen. Manfred könnte auch in der Savanne stehen. Doch Manfred steht inmitten eines Bachbettes im oberösterreichischen Mühlviertel.

Noch vor wenigen Jahren bauten hier Kinder zwischen Schlüsselblumen und Schafgarben Staudämme. Die Baumkronen der Eichen am Ufer waren grün und gesund. Auf den Feldern fuhren die Bauern ertragreiche Ernten ein. Das ist vorbei. Der Grund dafür liegt 40 Meter unter Manfreds Füßen.

Dort brausen Lastwägen und Autos durch den viereinhalb Kilometer langen Götschkatunnel. Er ist das Herzstück der neuen S10 – einem Prestigeprojekt der Landespolitik und der Autobahngesellschaft Asfinag. Unter Pauken und Trompeten eröffnete die Politprominenz Ende 2015 die Trasse. Der damalige Verkehrsminister Alois Stöger (SPÖ) und der damalige Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) schmückten sich in ihren Reden mit der neuen Schnellstraße. Danach gab es Würstel und Bier.

Seither sind rund 50 Brunnen versiegt. Ein Bachlauf fiel trocken. - © Kristina Gould
Seither sind rund 50 Brunnen versiegt. Ein Bachlauf fiel trocken. - © Kristina Gould

Kein Wort über versiegte Brunnen. Kein Wort über staubtrockene Bachläufe. Kein Wort über dürre Felder. Kein Wort über die ökologische Katastrophe, die der Tunnelbau auslöste. Denn bereits zwei Jahre vorher sackt in den Ortschaften über dem Tunnel das Grundwasser ab – in Loibersdorf, Gauschitzberg und Pfaffendorf. Die Arbeiter treiben zu diesem Zeitpunkt die Röhren des Tunnels in den Granit. Der Zusammenhang zu den Bauarbeiten liegt auf der Hand.

Auch Oliver Montag bestätigt dies gegenüber der "Wiener Zeitung". Als Mitarbeiter der Firma "OM Ziviltechnik-Geologie" war er für die wasserrechtliche Bauaufsicht des Projekts verantwortlich. "Aus den vorliegenden Beweissicherungsmessungen ist ersichtlich, dass es durch den Bau des Tunnels zu einer Beeinflussung des Grundwasserkörpers oberhalb des Tunnels gekommen ist", schreibt Montag in einer Stellungnahme.

Folgenschwere Konsequenzen

Konkret kam es zu einer sogenannten Grundwasserabsenkung. "So wie in Binnengewässern oder im Ozean hat auch das Grundwasser eine Oberfläche in einer gewissen Höhe. Bei einem Tunnelvortrieb können Grundwasservorkommen angebohrt werden", erklärt Markus Fiebig, Hydrogeologe der Universität für Bodenkultur Wien. "Dann senkt sich diese Wasseroberfläche."