Wien. Bis zum Jahr 2050 werden voraussichtlich an die zehn Milliarden Menschen den Erdball bewohnen. Doch wie lässt sich bei dieser schieren Bevölkerungsexplosion künftig die Welternährung überhaupt sicherstellen? Dieser Frage ist ein Wissenschafterteam nachgegangen. Die Lösung könnte in einer breiten Umstellung hin zu biologischer Landwirtschaft liegen. Biolandbau schont nämlich nicht nur Umwelt und Ressourcen, sondern kann sogar die Weltbevölkerung versorgen, betont der an der Studie beteiligte Sozialökologe Karlheinz Erb vom Institut für soziale Ökologie der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt.

Massentierhaltung versus glückliche Kuh. Bei drastischer Reduktion der Produktion wäre dies global möglich. - © Fotolia/Superingo/photo5000
Massentierhaltung versus glückliche Kuh. Bei drastischer Reduktion der Produktion wäre dies global möglich. - © Fotolia/Superingo/photo5000

Das hört sich gut an, andererseits scheint es jeder Logik zu widersprechen. Denn Bio wird nicht immer nur mit positiven Attributen in Verbindung gebracht. Biolandbau benötigt mehr Platz, bringt weniger Ertrag und die Produkte sind für den Konsumenten zumeist wesentlich teurer zu erstehen. Dass dem nicht so sein muss, erklärt Erb im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Beispiel Viehzucht

Nehmen wir als Beispiel die Viehzucht. Vor der Industrialisierung wurde alles vom Tier verwendet, heute wird nur das Fleisch verspeist. "Tiere fressen etwas und produzieren daraus etwas, was wir lieber haben als das, was sie fressen", bringt es der Forscher auf den Punkt. Rinder, Hühner & Co verwandeln Gras in Fleisch, Milch und Eier.

Um möglichst viele der nahrungstechnisch relevanten Produkte zu erhalten, werden Tiere nicht selten unter widrigsten Umständen zu Massen gehalten. Um diese wiederum ernähren zu können, reicht Gras schon lange nicht mehr aus. Und so werden große Teile der landwirtschaftlichen Flächen zum Anbau von Futterpflanzen genutzt. Mehr Tiere, mehr Raum, noch mehr Futter, noch mehr Raum. Die Spirale lässt sich weiterdrehen. Würde nun die aktuell große Nachfrage durch Biorinder und -henderln gedeckt, würde der Platzbedarf tatsächlich ins Unermessliche steigen. Das wäre zwar förderlich für die Biodiversität, brächte aber hohe Emissionen an Kohlendioxid und Methan mit sich. Zudem wäre weiterer Holzabbau vorprogrammiert.

Die Wissenschafter bewegten in ihrem Szenario daher ganz bestimmte Hebel, um dem biologischen Landbau - auch zum Wohle der Umwelt - dennoch den Vorzug geben zu können. In erster Linie müsste die Fleischproduktion um zwei Drittel reduziert werden, betont Erb. In diesem Ausmaß könnten einerseits die Tiere mit dem bestehenden Grasland futtertechnisch ihr Auslangen finden, andererseits könnte in Folge das gesamte Ackerland für die Nahrungsproduktion des Menschen genutzt werden.

Schonung der Umwelt

Derzeit werden zwei Drittel des Ackerlandes zum Anbau von Kraftfutter verwendet. Die Alternative wäre Kraftfutter für den Menschen - neben Getreide auch die nahrungstechnisch relevanten, weil mit pflanzlichem Eiweiß überhäuften, Hülsenfrüchte. Viele Flächen, auch in den Ländern des Südens, könnten hier zum Einsatz kommen, wodurch die Produktion weltweit ansteigen und der Ertrag trotz dem ertragsarmen Biolandbau sichergestellt werden könnte.

Zudem kämen alle Vorteile der biologischen Landwirtschaft zum Tragen, erklärt der Forscher weiter. Auf Pestizide und mineralische Dünger könnte verzichtet und das Wassermanagement damit verbessert werden. Waldrodungen aufgrund von Platzmangel würden der Geschichte angehören. "Die Biodiversität steigt an, Flächen werden sanfter genutzt, wodurch sich eine geringere Eingriffstiefe in die Ökosysteme ergibt", schildert Erb. Mit all diesen Maßnahmen wird nicht nur das Klima geschont, sondern global auch die Gewässer.

Die Verlierer

Neben Gewinnern wird es auch hier Verlierer geben: "Die Viehwirtschaft wird auf ein Drittel schrumpfen. Kurzfristig wird die auf groß und billig ausgerichtete Massentierhaltung möglicherweise in eine Krise schlittern", gibt Erb zu bedenken. Auch Firmen, die mineralischen Dünger produzieren, würden den Absatzmarkt verlieren. In manchen Bereichen könnte es zu einer drastischen strukturellen Wirtschaftsveränderung kommen. Jedoch: "Ob das wirklich auch Verlierer bleiben, ist etwas anderes. Das hängt von den Rahmenbedingungen ab, die sich ebenso ändern würden."

Doch wer bezahlt die Zeche? Wiewohl diese Frage keine der Sozialökologie ist, ist der Experte dennoch überzeugt, dass Biolandbau dem Staat, der Gesellschaft oder den Konsumenten nicht notwendigerweise viel mehr Geld kosten würde. Die Fördergeldvergabe aus der öffentlichen Hand müsste neu geregelt werden. Damit könnten die Produktionssysteme optimiert und der Bioanbau aus der Nische herausgehoben werden. Die Konsumenten könnten von günstigeren Preisen profitieren.

Die Studie selbst verspricht in ihrem Szenario auf jeden Fall eine Win-win-Situation: Der Verzicht in den Industriestaaten auf tierische Produkte wäre gesundheitsfördernd, der Biolandbau auf dem gesamten Erdball umweltfreundlich. Die Forscher wollen mit der im Fachblatt "Nature Communications" erschienenen Studie vor allem auch die Politik animieren, entsprechende Schritte zu setzen, um eine Kehrtwende voranzutreiben. Beim Biolandbau nehme Österreich zwar eine Vorreiterrolle ein - dennoch ist der Weg weiter ausbaufähig.