Princeton/Wien. Im Jahr 1981 hatte ein Student auf Daphne Major, einer Insel des Galapagos-Archipels, einen gefiederten Neuankömmling registriert - ein Vogelmännchen, das einen ungewöhnlichen Gesang von sich gab und zudem einen größeren Körper und Schnabel hatte als die ansässigen gefiederten Kollegen. "Wir sahen ihn zwar nicht über den Ozean fliegen, doch kurz nach seiner Ankunft fiel er uns auf. Er war so anders als die anderen. Daher wussten wir, er konnte nicht aus einem Ei auf Daphne Major geschlüpft sein", schildert Peter Grant, emeritierter Professor des Departments Ecology and Evolutionary Biology an der Princeton University, seine damaligen Eindrücke.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Barbara Rosemary hatten sie dem Vogel Blutproben entnommen und ihn wieder in die Freiheit entlassen. Dieser paarte sich etwas später mit einem auf der Insel beheimateten Mittel-Grundfink (Geospiz fortis) und brachte dadurch eine ganz neue Abstammungslinie hervor. Die Grants und ihr Forschungsteam nannten den Vogel "Big Bird" (großer Vogel) und verfolgten seinen Stammbaum über sechs Generationen mit DNA-Analysen.

Heute rund 30 Tiere

Forscher der Princeton-University berichten nun im Fachblatt "Science", dass der damalige gefiederte Neuankömmling sich mit Mitgliedern einer anderen Spezies auf der Insel gepaart hatte und dadurch letzten Endes eine völlig neue Art hervorgebracht hatte, die heute ungefähr 30 Tiere zählt. Die besonders abgelegene Region hat es den Forschern ermöglicht, eine Nahaufnahme der Evolution in freier Wildbahn zu machen.

"Das Neue an der Studie ist, dass wir Entwicklungen neuer Spezies auch direkt in der Wildnis mitverfolgen können", erklärt B. Rosemary Grant. "Durch unsere Arbeit auf der Insel Daphne Major war es uns möglich, diese Zusammenkunft unterschiedlicher Spezies zu beobachten und zu sehen, wie die Artenbildung stattgefunden hat", erklärt die Forscherin in der Studie.

Ein Wissenschafterteam der Uppsala University fand aufgrund der Erbgutanalysen heraus, dass es sich beim Einwanderer um einen großen Kaktusfink (Geospiza conirostris) gehandelt hat, der von der Insel Española, etwa 100 Kilometer von Daphne Major entfernt, angereist war. Diese bemerkenswerte Entfernung scheint auch der Grund dafür gewesen zu sein, dass es dem Vogel nicht mehr möglich gewesen war, wieder nach Hause zurückzukehren.

Also hatte er Ausschau nach einer Fortpflanzungsmöglichkeit gesucht und war offenbar mit Glück bei den drei ansässigen Finkenarten fündig geworden. Isolation sei ein wesentlicher Schritt in der Entwicklung solch neuer Spezies, wenn sich zwei unterschiedliche Arten kreuzen, heißt es in der Studie.

Unfreiwillige Linientreue

Weil sein Gesang ungewöhnlich war, war auch der Nachwuchs isoliert, sodass der Versuch, Partner anderer Arten anzulocken, eher fehlschlug. Daher kreuzten sich diese jungen Vögel dann auch eher mit Mitgliedern der neuen eigenen Spezies. Für die Entwicklung neuer Arten bedeutete diese unfreiwillige Linientreue eine Stärkung ihrer Existenz.

Für gewöhnlich entstehen neue Spezies über einen langen Zeitraum, so die Forscher. Beim "Big Bird" war dies in nur zwei Generationen geschehen, wie die Analyse ergab. Alle 18 Arten der Darwin-Finken, wie sie heute auf dem Archipel leben, entstanden aus einer einzigen Ahnenlinie, die die Inseln vor ein bis zwei Millionen Jahren besiedelt hatte. Diese Finkenarten waren ursprünglich von dem britischen Naturforscher Charles Darwin entdeckt worden.

Die Mehrheit solch neuer Arten stirbt für gewöhnlich recht schnell wieder aus, betonen die Forscher. Nur manche schaffen es und sind auch noch in gegenwärtig lebenden Arten vertreten. "Wir haben keinen Hinweis über die Gründe des langen Überlebens des Big Bird, aber es sieht nach Erfolg aus", betont Leif Andersson von der Uppsala University. Es sei ein wunderschönes Beispiel eines Weges, wie es zur Artenbildung komme. Und: "Charles Darwin wäre sehr begeistert gewesen."