Seattle/Wien. (gral) Das Eis schmilzt, das Phytoplankton im Wasser sprießt und die Tundra wird grüner. Die Bäume wachsen und das Blätterwerk der Äste nimmt zu. Das ist der Istzustand des hohen Nordens. Wissenschafter sprechen von einer "neuen Normalität". Sie vergleichen die Arktis mittlerweile mit einem offenen Kühlschrank. An der Entwicklung wird sich in naher Zukunft wohl nichts ändern, prophezeien nun Experten der US National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in einem 93 Seiten starken Bericht.

Die Lufttemperatur lag heuer um 1,6 Grad Celsius über dem Durchschnitt, die des Ozeans um vier Grad. In ihrem 12. Bericht in Folge spricht die NOAA vom zweitwärmsten Jahr seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1900. Demzufolge wird die Eisfläche jedes Jahr dünner und auch kurzlebiger. Das schon über viele Jahre bestehende Eis macht nur noch 21 Prozent der Fläche aus - 1985 waren es noch 45 Prozent. Sowohl die Meereisdecke als auch der Eisschild auf dem Festland schmelzen mit Rekordgeschwindigkeit ab, beschreiben die Forscher die Situation.

Die Region hat dem Planeten - eben wie ein Kühlschrank - einen guten Dienst erwiesen, betont Jeremy Mathis, Direktor des Forschungsprojekts. "Nun haben wir die Türe offen gelassen", fügt er hinzu. Folge ist, dass das dunkle, eisfreie Wasser durch die Sonneneinstrahlung stärker erwärmt wird, wodurch wiederum die weitere Eisschmelze vorangetrieben wird. Der durch den Menschen verursachte Klimawandel scheint einen wahren Teufelskreis ausgelöst zu haben.

Antarktis weniger stabil

Aber auch die Antarktis verliert ihr Eis - vor allem der Osten besonders stark. Der weltweit größte Eisschild mit einer Größe von 14 Millionen Quadratkilometern sei weit weniger stabil als bisher gedacht, berichten Forscher der University of South California im Fachblatt "Nature". Die Folge daraus ist ein Anstieg des Meeresspiegels. Wie Computersimulationen zeigen, könnte vor allem Florida großer Gefahr ausgesetzt sein, warnt die Marineforscherin Amelia Shevenell. Ein großer Teil der antarktischen Eismasse geht verloren, wenn das warme Wasser des Ozeans sich unter die Gletscher und Eisschilde spült, beschreiben die Forscher die Vorgänge. "Und wenn die Lufttemperatur weiter ansteigt, wird auch das Landeis über kurz oder lang zu schmelzen beginnen", warnt Shevenell.

Neben der Eisschmelze haben Antarktis und Arktis noch eine weitere - für Forscher überraschende - Gemeinsamkeit: Obwohl die beiden Regionen an entgegengesetzten Polen der Erde liegen, fühlen sich dort offenbar ähnliche Bakterien wohl. Für ihre Studie sequenzierte ein Forscherteam um Julia Kleinteich von der Universität Tübingen die DNA von Mikroben aus Süßwasser und Biofilmen vom Festland der Pole.

Wie genau die winzigen Bewohner vom Norden bis in den Süden gelangen können, ist den Wissenschaftern noch nicht ganz klar. Denkbar sei allerdings, dass sich die Bakterien über die Atmosphäre oder durch Vögel und den Menschen verbreiten. Da man in Vergleichsproben aus gemäßigten Breiten auch schon Überschneidungen zu den polaren Mikroorganismen gefunden habe, handle es sich bei diesen Bakterien vermutlich um sogenannte "Generalisten", die in einem recht breiten Spektrum von Umweltbedingungen ihr Überleben sichern könnten, heißt es.

Ähnliche Bakterienfamilie

An den Polen fanden die Forscher allerdings zusätzlich auch noch Bakterien, die ausschließlich in der jeweiligen Region vorkamen. "Der Anteil war in der stärker isolierten Antarktis größer, diese scheint eine teilweise einzigartige Diversität an Mikroorganismen aufzuweisen und ist daher besonders schützenswert", betont Kleinteich. Die Ergebnisse der Arbeit wurden im Open Access-Journal "Frontiers in Ecology and Evolution" veröffentlicht.

Die Erforschung der Verbreitungsmuster von Arten, die sogenannte Biogeografie, bringe Erkenntnisse dazu, wie Ökosysteme auf Umweltveränderungen wie zum Beispiel den Klimawandel reagieren. Den Studienergebnissen zufolge sei zu erwarten, dass sowohl arktische als auch antarktische Mikroorganismen auf gleiche Art und Weise auf die Erderwärmung reagieren.

"Der Klimawandel zeigt an den beiden Polen bereits starke Auswirkungen durch eine Temperaturerhöhung teilweise über null Grad Celsius sowie eine Gletscher- und Schneeschmelze", bestätigt auch Kleinteich. Während allerdings die Antarktis für Mikroorganismen noch Rückzugsraum biete, seien die Ausweichmöglichkeiten am Nordpol auch für kälteangepasste Säugetiere, wie zum Beispiel die Eisbären, beinahe ausgeschöpft.