- © Frederick M. Brown/Getty Images
© Frederick M. Brown/Getty Images

Cambridge/Wien. (est) Seine Gedanken zur Entstehung des Kosmos begleiteten Stephen Hawking bis zum Sterbebett. Seine letzte Arbeit könnte zu seinem größten Vermächtnis werden. Zehn Tage vor seinem Tod im Alter von 76 Jahren am 14. März stellte der berühmte britische Physiker Berechnungen fertig, auf deren Basis die Existenz eines Multiversum nachgewiesen werden könnte.

In der Arbeit mit dem Titel "A Smooth Exit from Eternal Inflation" (Ein sanfter Ausstieg aus der ewigen Inflation) greift der Kosmologe eine seiner früheren Theorien zur Entstehung des Universums nach dem Urknall auf. Ihr zufolge ist unser heutiger Kosmos aus einem winzigen Punkt durch eine rasche Expansion entstanden, die Astrophysiker als Inflation bezeichnen. Hawkings Hypothese war, dass eine unendliche Zahl von zeitgleichen Urknallen viele parallele Universen zur Folge haben musste - manche leer, andere voller Schwarzer Löcher, andere wiederum mit Galaxien, Sternen, Planeten und möglicherweise Leben.

"Jedes unserer wissenschaftlichen Modelle des Big Bang führt zur Bildung eines Multiversums. Es ist viel plausibler, dass beim Urknall viele Welten entstanden sind, als dass es nur eine gibt. Wir leben in einer von vielen Welten", erläutert Hawkings Ko-Autor Thomas Hertlog in einem Interview mit der britischen BBC.

Jedes gute wissenschaftliche Modell beinhalte Vorhersagen über die Eigenschaften unseres Kosmos. Laut dem belgischen Physiker der Universität Leuven sind Multiversen aber "so etwas wie der Albtraum der Kosmologen. Wenn das Multiversum zu gigantisch oder extrem anders ist als das uns bekannte All, sagt die Urknall-Theorie nichts über uns aus." Dennoch kämen die Modelle um ein Multiversum nicht herum. "Es ist sehr schwer, konsistent zu behaupten, dass wir alleine sind", betont Hertlog: "Daher müssen wir das Konzept dahingehend transformieren, dass das Multiverum in eine überprüfbare wissenschaftliche Theorie hineinpasst. Um diese Frage geht es in unserer Arbeit."

Hawking und Hertlog legen in dem Papier mathematische Grundlagen für einen experimentellen Nachweis für parallele Universen dar. Laut der theoretischen Arbeit sollten diese in der kosmischen Hintergrundstrahlung, die vom Urknall nachhallt, messbar sein. Eine Weltraumsonde mit den richtigen Sensoren an Bord könnte zu diesem Zweck ins All reisen.

Eine erste Version der Arbeit wurde im Juli des Vorjahres in der Online-Bibliothek "arXiv" der Cornell University publiziert. In den vergangenen Monaten wurde sie aktualisiert und laut der "Sunday Times" einem renommierten Fachjournal zur Publikation übermittelt. Hawking sagt darin auch das Schicksal unseres Universums voraus, das in Dunkelheit versinken wird, wenn alle Sterne ihre Energie verloren haben. Derzeit wird das Paper von Fachkollegen auf Plausibilität geprüft. Wenn es überzeugen kann, wäre es ein erster Schritt zu einem völlig neuen kosmischen Verständnis.

Unser Platz im Kosmos

Die Existenz von parallelen Universen würde unseren eigenen Platz im Universum neu definieren. Ihr Nachweis würde Hawking und Hertlog auch für den Nobelpreis qualifizieren. Dieser blieb Hawking zeit seines Lebens versagt, weil es keine Beweise für seine Theorien gab. Posthum könnte der Popstar unter den Physikern die Auszeichnung aber wiederum nicht bekommen, da sie nur an lebende Wissenschafter verliehen wird.

Hertlog, der 1989 Hawkings Doktorand an der Universität Cambridge war, berichtet über eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit seinem Professor. "Wir haben uns früh in der Kosmologie gefunden und sahen uns alle drei bis vier Monate, um stundenlang Schulter an Schulter zu sitzen und Ideen und Berechnungen auszutauschen. Am Schluss, als die Kommunikation sehr schwierig wurde, hatte ich das Gefühl, dass wir nicht so viele Worte brauchten, um uns zu verständigen."

Hawking wird im März in Cambridge beerdigt. An die 500 Trauergäste werden erwartet, darunter der Erfinder des Internet Tim Berners-Lee, Physiker und Wissenschaftsvermittler Brian Cox und der Hollywood-Star Eddie Redmayne, der Hawking im Kinofilm "Die Entdeckung der Unendlichkeit" darstellte.