Sie forschen und lehren in London. Ist Österreich nicht das richtige Pflaster für Top-Mathematiker?

Ich kenne das System zu wenig, aber es gibt sehr gute Institutionen und Mathematiker in Österreich. Jedoch habe ich mehr Kontakte in Frankreich und in der Schweiz.

Sie sind der einzige Österreicher, der die Fields-Medaille bekommen hat. Haben Sie einen Tipp, warum unser Land nicht mehr Auszeichnungen auf Nobelpreis-Niveau erhält?

Es ist ein kleines Land - es gibt nicht viele Österreicher. Die meisten Träger der Fields-Medaille kommen aus Frankreich. Das ist teilweise dem System geschuldet, mit der der Ecole Normale Superieure in Paris - eine Spitzenschule mit vielen Preisen. Ob das aber ein gutes System auch für den Rest des Landes ist, ist die Frage.

Sie lehren und forschen am Imperial College in London. Bereitet Ihnen der Brexit Sorgen?

Mein Eindruck ist, dass die britische Regierung keine Ahnung hat, was passieren soll. Eine Möglichkeit für die Forschung wäre, in den Europäischen Forschungsrat für Top-Wissenschaft weiterhin einzuzahlen, um die prestigeträchtigen Förderungen zu erhalten. Die Alternative wäre ein vergleichbares britisches Programm. Sorgen macht mir die Ungewissheit. Mehrere Leute aus meinem Fach sind gegangen. Der Vorteil der Mathematik ist allerdings, dass sie, anders als Medizin oder Biowissenschaften, keine teuren Geräte benötigt. Sie ist irgendwie billig und funktioniert überall.

Sie haben ein Programm für Audio-Aufzeichnungen geschrieben, das auf Apple-Computern läuft. Durchdringt die Mathematik den Alltag, ohne dass wir es richtig bemerken?

Die Welt wäre ohne Mathematik nicht möglich. Ohne Kryptografie könnten Sie nicht über das Internet Ihr Bankkonto abrufen und nicht mit dem Handy telefonieren.

Wird die künstliche Intelligenz schon bald machen, was sie will?

Ich glaube nicht. Künstliche Intelligenz ist ein komisches Ding. Eigentlich steckt relativ einfache Mathematik dahinter, aber man versteht nicht, warum sie so gut funktioniert. Man begreift, wie ein Deep-Learning-Programm ein Brettspiel gewinnen kann, aber im mathematischen Sinn weiß man nicht genau, was es für dieses Programm bedeutet, keinen Fehler zu machen. Wenn ein selbstfahrendes Auto einen Unfall hat, stellt sich die Schuldfrage. Wenn man aber nur auf einem basalen Level weiß, warum das Programm so reagiert, ist sie schwer zu beantworten. Deep Learning besser zu begreifen ist ein pressierendes Problem unserer Zeit, aber wir wissen nicht, welche Frage wir stellen müssen.

Zur Person

Martin Hairer

geboren 1975 in Genf, ist ein österreichischer Mathematiker und Professor am Imperial College London. Für seine Arbeit zu stochastischen partiellen Differentialgleichungen erhielt er 2014 mit die Fields-Medaille.