Graz. Im täglichen Verkehr vergisst man - zum Glück - oft, wie schwierig eigentlich Autofahren ist. Die eigene Geschwindigkeit, das Verhalten der anderen Fahrzeuge, Verkehrsregeln, unvorhergesehene Situationen - ein Fahrer muss all das und viel mehr in Bruchteilen von Sekunden auswerten.

Auch das vermeintlich einfache Szenario an einer Kreuzung ohne Ampel, der sich ein weiteres Fahrzeug aus einer anderen Richtung nähert, stellt ein Computersystem vor komplexe Entscheidungen: "Wenn ein automatisiertes Fahrzeug ein unerwartetes, wenn auch sicheres Manöver wie starkes Beschleunigen durchführen würde: Wäre das für uns Menschen ein akzeptables Assistenz-System oder würden wir es sicherheitshalber deaktivieren?", versucht Bernhard Brandstätter von Virtual Vehicle das Grundproblem an einem Beispiel zu demonstrieren. Das Virtual Vehicle Research Center ist ein international führendes Forschungszentrum für die Automobil- und Bahnindustrie mit Sitz in Graz und konzentriert sich auf die konsequente Virtualisierung der Fahrzeugentwicklung. Mit dem neuartigen Fahrsimulator "Drive.Lab" will das Institut nun eine Brücke zwischen automatisierten Fahrmanövern und menschlichem Verhalten schlagen.

Autonomes Autofahren

Dabei dient das "Drive.Lab" im gewissen Sinne als "Fahrlehrer" für automatisierte Fahrzeuge. Im Zentrum der Entwicklungs- und Forschungsplattform steht ein Fahrsimulator, der die Wechselwirkungen zwischen Fahrer, Insassen, Fahrzeugen und anderen Verkehrsteilnehmern in komplexen Situationen untersucht. Daraus sollen die Computersysteme dann Prognose-Modelle für das menschliche Verhalten errechnen. Ziel ist es, das Verhalten automatisierter Fahrzeuge möglichst nahe an menschliche Verhaltens- und Reaktionsmuster anzunähern.

Virtueller "Fahrlehrer"

Ein virtueller "Fahrlehrer" soll also eine Art "Fahrstil-Bewertung" entwickeln, die dem autonomen Fahrzeug (also dem Computer) ein menschlich nachvollziehbares Verhalten im Straßenverkehr "lehrt" und somit Vertrauen in das System schafft. Denn Vertrauen ist der Knackpunkt, wenn es um die Akzeptanz von computergestützten Fahrzeugen geht: "Viele Menschen stellen sich heute vor, dass man in einem autonomen Auto zukünftig entspannen, arbeiten oder lesen kann. Das ist jedoch nur in einem vollständig vertrauenswürdigen Umfeld denkbar. Menschenähnliche Systeme werden daher der Schlüssel sein, um Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen", so Jost Bernasch, der Geschäftsführer von Virtual Vehicle.