Chris Dancy wird als der "most connected man on earth" bezeichnet. Sensoren, Apps und viele weitere Gadgets an seinem Körper, zu Hause, aber auch im Auto begleiten ihn durch seinen Alltag. Dieser ist im Laufe der Zeit zu seinem persönlichen Netzwerk gewachsen. Ein technologiebasiertes Netzwerk, das Daten sammelt, auswertet und speichert und damit über seinen Körper und Geist wacht. Ziel ist die Aufwertung seiner Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Dennoch sieht er sein Leben als selbstbestimmt und nicht von Maschinen gelenkt. Heute sei er mehr Mensch als noch vor wenigen Jahren. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" spricht Chris Dancy über die Beweggründe, das Leben als Cyborg und die Zukunft.

"Wiener Zeitung":Wir beide sind Menschen. Doch was unterscheidet uns trotzdem, außer, dass ich eine Frau bin?

Chris Dancy: Es gibt keinen Unterschied zwischen uns. Denn ich sehe alles als Werkzeug. Kleidung, Smartphones, Brillen. Wir beide nützen solche Hilfsmittel, um unser Leben besser zu gestalten. Der Unterschied besteht nur darin, dass wir sie entsprechend unseren Bedürfnissen verschieden einsetzen. Vor zehn Jahren war ich ungewöhnlich, heute bin ich dagegen ziemlich angesagt. Und bald werden viele so sein wie ich. Aber hören wir damit auf, in zwei Spezies zu denken.

Es wird behauptet, Sie seien der am meisten vernetzte Mensch auf der Welt.

Ja, laut Google (lacht).

Sie selbst bezeichnen sich als "Mindful Cyborg". Bei dem Begriff Cyborg denken wir an Mischwesen zwischen Roboter und Mensch. Sind Sie das?

Ein Cyborg ist ein lebender Organismus, der mit Technologie verbessert oder in seinen Funktionen erweitert wird. Ein Hund mit einem GPS-Halsband ist ein Cyborg. Ich selbst nenne mich "Mindful Cyborg", weil ich die Technologie achtsam nütze, um präsenter zu sein. Natürlich ist das Bild des Cyborgs mit Roboter-Bauteilen verständlicher. Man muss allerdings nicht einmal damit bestückt sein, um ein Roboter zu sein. Unser Verhalten lässt manche dazu werden, nicht unsere Zusammensetzung oder Applikationen.

Welche Hilfsmittel nützen Sie?

Zu Beginn habe ich nahezu an meinem ganzen Körper und meiner Kleidung Sensoren getragen, um etwa den Puls, die Körpertemperatur, die Herzrate oder die Atmung aufzuzeichnen und vieles, vieles mehr. Heute lebe ich minimalistisch und nütze nur die für mich wesentlichen Informationen wie Zeit, Ort und Tätigkeit. Darüber hinaus biometrische Daten wie Herzrate und Schlaf und Umwelteinflüsse wie Licht, Temperatur und Geräusche. Technologie erlaubt dir, dich zu verändern. Ob das zu Zerstörung oder zu Verhaltensmodifikationen führt, hängt von jedem selbst ab. Auf jeden Fall ist es nicht gut, nur die Masse zu sein. Ich will mich nicht korrigieren, sondern sein.