Europäische "Fußabdrücke auf dem Mond" nannte der scheidende ESA-Generaldirektor, Jan Wörner, als erklärtes Ziel der Europäischen Raumfahrtagentur am Donnerstag bei der Online-Neujahrspressekonferenz der Weltraumbehörde in Paris. Er werde weiterhin für einen "Weltraum ohne Grenzen" kämpfen, in dem die Staaten in der Raumfahrt zusammenarbeiten. Der 66-jährige Wörner ist seit 2015 Chef der ESA. Er steuerte zuvor das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum in Köln. In seine Funktionsperiode fiel die spektakuläre Mission "Rosetta" zu einem Kometen.

Ab März soll der Österreicher Josef Aschbacher den Stab übernehmen. Ursprünglich war die Übergabe für Juni vorgesehen, "doch schient mir dieser Zeitraum mit zwei Direktoren zu lang", erklärte Wörner: "Ich glaube, es ist besser für Josef, nicht sechs Monate lang auf dem Wartesitz zu sitzen", begründete er seine Entscheidung. Er wolle außerdem nicht die Position einer "Lame Duck" einnehmen. Die ESA-Mitgliedstaaten hatten Aschbacher im Dezember an die Spitze der Behörde gewählt, da Wörners vierjährige Amtszeit zu Ende ist.

Wie die "Wiener Zeitung" vorab berichtete, will der in Tirol geborene Aschbacher in enger Zusammenarbeit mit der EU eine europäische Raumfahrt-Strategie bis 2035 erarbeiten. "Es ist sehr wichtig, unsere Energie in Überlegungen und Pläne zu investieren, wo genau wir hinwollen", betonte Aschbacher.

Nach Ansicht des Weltraumforschers, Meteorologen und künftigen Generaldirektors ist ein Grundpfeiler für die Zukunft der europäischen Raumfahrt die Wettbewerbsfähigkeit der Raketentechnologie. Vor allem das private US-Unternehmen SpaceX macht ihr massive Konkurrenz. Das Unternehmen des Milliardärs Elon Musk setzt vor allem auf teils wiederverwendbare Raketen. Nun müssten die ESA und die EU auf dem Weltmarkt für Raketen eine führende Rolle übernehmen. "Wir müssen im Bereich der Trägerraketen an vorderster Front stehen. Der Druck ist extrem hoch und wir müssen aufholen, ich fühle mich diesem Ziel äußerst verpflichtet", sagte Aschbacher.

Jungfernflug der "Vega C"

Für heuer steht der Jungfernflug von "Vega C" an, eine Trägerrakete für mittlere bis kleine Satelliten, die eine höhere Leistung hat und billiger ist als das derzeitige Vega-Modell. Außerdem wird die Trägerrakete "Ariane 6", die 2022 abheben soll, startklar gemacht. "Ich werde mich auch darauf konzentrieren, was die nächste europäische Rakete danach sein wird", hob Aschbacher hervor und unterstrich dabei den Stellenwert der Rolle der Industrie.

"Ich habe nicht die magische Lösung, was wir tun und wie wir es tun", betonte er. Es sei aber klar, dass man in Europa zusammenarbeiten müsse, um Lösungen zu finden, insbesondere im Bereich Trägerraketen. Der 58-jährige Österreicher kündigte an, sich dazu so bald wie möglich mit dem auch für Raumfahrt zuständigen EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton zusammensetzen zu wollen.

Weiters sollen im zweiten und vierten Quartal zwei europäische Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS starten und einen Roboter-Arm zum Außenposten der Menschheit im All bringen. Zwar werden heuer noch keine Astronauten ihre Fußabdrücke auf dem Mond hinterlassen, doch es reist Technik aus Europa zu unserem Trabanten. Ein Ionen-Massenspektrometer soll mit einer Nasa-Mission landen und dessen extrem dünne Atmosphäre und Bodenbeschaffenheit analysieren.

2021 ist auch ein wichtiges Jahr für die Mission "ExoMars", die nach Spuren von Leben forschen soll. Der für 2022 geplante Start 2022 wird derzeit vorbereitet. Aschbacher ist derzeit ESA-Direktor für Erdbeobachtung. In dieser Funktion konnte er mit "Copernicus" das, wie er zusammenfasst, "beste Erdbeobachtungsprogramm der Welt" aufbauen. Jetzt gelte es, eine neue Generation an Satelliten ins All zu schicken, die Daten über Wetter, Klima, Umwelt und nicht zuletzt Weltraumschrott liefern. Am Rande: Beim "Copernicus"-Netzwerk werde das Vereinigte Königreich auch nach dem Brexit noch eine Rolle spielen, beim Satelliten-Navigationsprogramm "Galileo" hingegen nicht.

Mit 6,49 Milliarden Euro steht Aschbacher heuer ein etwas kleineres Budget zur Verfügung als Wörner 2020, "doch Fluktuationen sind üblich, für 2022 erwarte ich etwas mehr". Wenn die Mitglieder den Amtsantritt im März absegnen, soll Toni Tolker-Nielsen, ESA-Chef für Erdbeobachtungsprojekte, das Direktorium interimistisch leiten, bis eine neue Person für die Position gefunden ist.