In der Technik steht analog für das Gegenteil von digital, was Assoziationen zu veralteten Methoden wecken mag. Doch in der Raumforschung ist Analogforschung der neueste Stand, denn sie dreht sich um Vergleichbarkeit. Wenn die Menschheit eines Tages zum Mars aufbricht, müssen so viele Unklarheiten wie möglich beseitigt sein. Im Bezug auf den Planeten Mars sucht die Analogforschung nach Ähnlichkeiten zum Roten Planeten auf der Erde, um Abläufe und Geräte zu testen. Das Österreichische Weltraum Forum (ÖWF) in Innsbruck, ein Spezialist des Fachgebiets, startet am 11. Oktober die Mars-Feldsimulation "Amadee-20" in der Negev Wüste in Israel. Der 1982 in Wien geborene Analog-Astronaut Robert Wild, Physiker an der Universität Innsbruck und Absolvent der Universität Colorado, gab der "Wiener Zeitung" vor "Abflug" ein Interview.

"Wiener Zeitung": Am Montag beginnt die dreiwöchige Isolationsphase der 13. analogen Mars-Mission des ÖWF. Was ist Ihre erste Aufgabe?

Robert Wild: Das ist auch für mich eine gute Frage. An sich sind unsere Aktivitäten im 15-Minuten-Takt geplant. Das Kontrollzentrum in Innsbruck legt, so wie bei echten Raumfahrtmissionen, einen idealen Ablauf fest, damit alles effizient läuft. Ich werde Außeneinsätze durchführen, doch es gibt laufend Änderungen im Detail - man muss flexibel sein.

Haben Sie schon Analog-Erfahrung?

Für mich ist es das erste Mal, aber wir haben Analog-Astronauten im Team, die schon mehrere Missionen hinter sich haben.

Welche Ausbildung muss man absolvieren? Ist es eine bezahlte oder eine ehrenamtliche Aufgabe?

200 Personen machen mit, und der Großteil tut es ehrenamtlich. Ich bin an sich Physiker in Innsbruck. In der Zeitung habe ich gelesen, dass Analog-Astronauten gesucht werden, und mich gemeldet. Für die Neuen gab es ein einjähriges Training. Wir mussten Hintergrundwissen lernen, etwa in Geologie, um Bodenproben nehmen zu können, oder in Medizin und Technologien, die ich als Physiker nicht kannte. Danach wurden wir offiziell Analog-Astronauten. Sechs wurden für die Crew ausgewählt. Es folgte eine Schulung zur Bedienung der Geräte für Experimente.

Qualifizierten Sie sich damit zum Astronauten für reale Missionen?

Nein, Astronauten im Weltraum müssten ein noch intensiveres Training bei einer der Weltraumbehörden machen.

Was motivierte Sie, mitzumachen?

Man ist Teil der Weltraumforschung, was richtig cool ist - da muss ich nicht viel erklären. Für mich ist es spannend, in einem Team unter stressigen Bedingungen zu arbeiten. Im Kopf den Mars zu bereisen ist etwas, was nicht vielen Erwachsenen, die heute leben, möglich ist. So nahe an die echte Mission zum Roten Planeten heranzukommen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

20 Experimente sollen in der Wüste durchgeführt werden. Wie geht das, ohne auf dem Mars zu sein?

Einiges ist nicht möglich, etwa können wir Mars-Strahlung nicht auf der Erde messen. Gut nachstellen lassen sich jedoch Interaktionen zwischen Rovern und Astronauten. Um Gesteinsproben zu nehmen, würden wir ja nicht einfach rausgehen und ein bisschen was aufklauben. Sondern wir würden zuerst eine Region von der Erde unter die Lupe nehmen. Dann würden ein Rover oder eine Drohne die Oberfläche fotografieren und Bilder zur Erde schicken. Erst im letzten Schritt würden Astronauten Gesteinsproben entnehmen, diese ins Habitat zurückbringen und die Daten zum Mission Support Center schicken, damit Geologen sie prüfen können.

Was kann man weiters testen?

Gut lassen sich psychologische Experimente machen, wir arbeiten ja doch in einer Gruppe auf engem Raum. Und da Licht von der Erde durchschnittlich zehn Minuten benötigt, um zum Mars zu gelangen, vergehen für jede Antwort auf eine Frage 20 Minuten, also müssen wir anders kommunizieren. Dieses Problem gab es bei echten Missionen noch nicht. Die weiteste Reise der Menschheit war zum Mond. Die Mondzeit ist um eine Sekunde verzögert, damit kann man sehr gut leben.

Für Einsätze außerhalb des für die Mission konzipierten Habitats werden sie spezielle Raumanzüge tragen. Wie lässt sich damit die Erde sozusagen als Mars erfahren?

Die Wüste mag aussehen, wie ich mir den Mars vorstelle. Mit dem Anzug spüre ich aber weder Sonne noch Wind auf der Haut und höre keine Geräusche von außen. Er fungiert als Barriere, weswegen man sich darin besser vorstellen kann, tatsächlich auf dem Roten Planeten zu sein. Das ist der Aspekt, der mich am meisten reizt.

Wie trägt sich ein Analog-Anzug?

Heutige Anzüge auf der Internationalen Raumstation wiegen 120 Kilo. Dort spürt man das Gewicht wegen der Schwerelosigkeit aber nicht. Auf dem Mars würden die Anzüge 40 Kilogramm wiegen, weswegen unsere genau so schwer sind. Wir müssen mit Bedacht arbeiten, um nicht müde zu werden, denn die Außenaktivitäten dauern bis zu sechs Stunden.

Und was testen Sie dabei?

Wir testen Arbeitsabläufe der Marsforschung. Ein wichtiger Teil ist die Arbeit im Raumanzug. Der Anzug sendet medizinische Daten seines Trägers an das Kontrollzentrum, das uns seinerseits signalisiert, wann wir zu arbeiten aufhören sollen, wenn wir uns übernehmen. Er misst Herzschlag und Puls, Sauerstoff- und CO2-Gehalt sowie die Luftfeuchtigkeit im Inneren. Der Anzug muss den Astronauten kühl halten und simuliert das Gefühl, das der Druckunterschied auf dem Mars auslöst. Der Rote Planet hat einen Luftdruck von einem Prozent der Erde. Normale Raumfahrtanzüge müssen genügend Innendruck haben, damit der Mensch atmen kann. Dieser Druckunterschied bläst den Anzugs etwas auf. Der Analog-Anzug simuliert diesen Effekt, indem er mit einem Exoskelett Arme, Beine und Finger spreizt.

Ab Montag essen Sie drei Wochen lang nur Astronautenkost?

Wir essen vegan, weil wir uns darauf geeinigt haben. Der Speiseplan wurde von der der Fachhochschule Gesundheitsberufe zusammengestellt unter Berücksichtigung von großer körperlicher Anstrengung und leichte Verträglichkeit wegen des Aufenthalts der Crew in ungewohntem Klima.