Ein Genie. Ein Spinner und ein Genie zugleich. Und derzeit wieder in aller Munde. Nicht, wegen des Todestages, der sich am 7. Jänner, quasi halbrund, zum 80. Mal jährt, sondern, weil Nikola Tesla in jeder Krise der Nothelfer aller Verschwörungstheoretiker ist.

Der Paradefall eines Genies auf Abwegen, das ist dieser am 10. Juli 1856 in Smiljan, Kroatien, damals Kaiserreich Österreich, als Sohn serbischer Eltern geborene Physiker. Jedes Mal, wenn man heute Licht aufdreht, fließt Tesla durch die Leitungen. Er entdeckte die Vorzüge des Wechselstroms. Mittlerweile Bürger der USA, gewann seine Erfindung den "Stromkrieg" gegen die Anhänger des Gleichstroms. Sein Patent des Zweiphasenwechselstroms steht am Anfang der heutigen Alltags-Energieversorgung.

Nicht nur das: Das Resultat seiner Arbeiten auf dem Gebiet der drahtlosen Energieübertragung erfährt jeder, der heute auch nur eine elektrische Zahnbürste auflädt. Die Erfindung des Induktionsmotors wertete der Schriftsteller Mark Twain, vielleicht zurecht, als "das wertvollste Patent seit dem Telefon". Einige der mehr als 300 (manche Quellen sprechen von mehr als 700) Patente Teslas werden wichtig für die Drahtloskommunikation, für Laser, Röntgenstrahlen, Radar und Robotik.

Sollte er gar in die Pop-Kultur eingegangen sein? "Dem Ingeniör ist nichts zu schwör" meint Daniel Düsentrieb (im Original von Carl Barks Gyro Gearloose): Hunderte Erfindungen macht er, praktische wie unsinnige, und auf seiner Schulter sitzt das Helferlein ("Little Helper"). Dessen Kopf ist eine Glühbirne - ein Hinweis auf den Elektroningenieur Tesla?

Physik und Mystizismus

Doch ausgerechnet Tesla, dieser Physiker, der aus Naturgesetzen seine Erkenntnisse über die Elektrizität schöpfte, hatte eine dunkle und spekulative Seite. Dass sie es ist, die am meisten fasziniert, versteht sich von selbst. Das Außerordentliche ist ja stets spannender als das Normale.

Das meiste kreist um den Magnifying Transmitter, der, 1899, in Teslas Labor in Colorado Springs konstruiert, die Basis eines in der Theorie weltumspannenden Energienetzes sein sollte, das jeder anzapfen kann. "Freie Energie" machen die Pseudowissenschaften daraus. Die Pseudowissenschaft macht aus Teslas Spekulation eine real existierende Form von Energie, die an jedem Ort reichlich zur Verfügung stehen soll. Man brauche sich ihrer nur zu bedienen. Gerade in der gegenwärtigen Energiekrise hat solche Humbugsphysik Oberwasser.

Tesla selbst ist nicht völlig unschuldig. Sein Konzept des Energienetzes ist beeinflusst von Edward Bulwer-Lyttons Roman "The Coming Race" und der darin vorkommenden Universalenergie Vril. Die satirische Haltung der Erzählung überlas Tesla. Immerhin hatte er ja schon seine Wechselstromexperimente inszeniert, als wären sie okkulte Spektakel. Kann es sein, dass er irgendwann Inszenierung und Realität zu verwechseln begann?

Bizarres Verhalten

Ganz Naturwissenschafter, blieb er zwar seinem Atheismus treu. Aber die Bizarrerien häuften sich. Er ertrug die Gesellschaft übergewichtiger Menschen nicht, lebte keusch, zuerst, weil er sich für unwürdig einer Beziehung hielt, dann, weil Frauen durch ihr Streben nach Dominanz ihre Weiblichkeit verlieren würden. In späteren Jahren ernährte er sich ausschließlich von Milch, Brot, Honig und Gemüsesäften. Er war von der Zahl drei besessen und behauptete, nur zwei Stunden Schlaf zu benötigen plus kurzer Nickerchen tagsüber. Er hasste Schmuck und runde Gegenstände, und er vermied es, Haare zu berühren. Sein Essbesteck polierte er eigenhändig mit 18 Tüchern bis zur Perfektion.

Tesla schlug aus seinen Erfindungen kein Kapital. Er wollte sie der Menschheit zur Verfügung stellen, um ihr Dasein zu verbessern. Selbst seine Todesstrahlkanone, auch sie eine Spekulation, war nie für einen Kampfeinsatz gedacht: Aufgrund ihrer verheerenden Wirkung sollte sie den ewigen Weltfrieden erzwingen. Dann war Tesla letzten Endes ein Humanist? – Dass er sich für Eugenik einsetzte, erwähnen die Tesla-Jünger ungern.

Tesla mystifizierte sich. Genug Stoff für moderne Verschwörungstheoretiker. Nicht das halbverrückte Genie sehen sie in ihm, sondern den unterdrückten Visionär: "Die", wer auch immer "die" sein mögen, ließen die Freie Energie nicht zu; überhaupt würde ein großer Teil von Teslas Erfindungen geheim gehalten, denn sie würden die Strukturen der Gesellschaft und den großen Plan dahinter zerstören; überhaupt habe Tesla für seine Erfindungen das überlegene Wissen Außerirdischer genützt.

Selbst für Hollywood ist Tesla das Bindeglied zwischen Technik und Magie, etwa in Christopher Nolans "Prestige – Die Meister der Magie", wenn die Tricks der Zauberkünstler auf die technische Zauberkunst Teslas trifft.

Geliebte Tauben

In späten Jahren mutierte Tesla zunehmend zum Einsiedler, der sein Hotelzimmer nur noch verließ, um im Park die Tauben zu füttern. Als eine mit verletztem Bein und Flügel entdeckte, investierte er rund 2.000 Dollar für ein orthopädisches Gerät. Einigen Berichten zufolge, hat er sogar eine Taube mit ins Bett genommen und war überzeugt, er würde von dem Vogel so geliebt wie von einer Frau.

Tesla - das Genie nahe am Wahnsinn? Und doch sind da zumindest Wechselstrom und Induktionsmotor. Die Griechen der Antike hätten solch einen Erfinder als Sternbild an den Himmel versetzt. Heute ist er vor allem der Namenspatron eines Autos. Auch das ist Schicksal – vielleicht sogar eines, das dieser bizarren Gestalt würdig ist.