Alexander Karner, 36, ist Geschäftsführer des Verbandes Erneuerbare Energie Österreich (EEÖ). Der Absolvent der Geowissenschaften an der Montanuniversität Leoben war zuletzt Referent für Energie- und Umweltpolitik des Österreichischen Bauerbunds.
Alexander Karner, 36, ist Geschäftsführer des Verbandes Erneuerbare Energie Österreich (EEÖ). Der Absolvent der Geowissenschaften an der Montanuniversität Leoben war zuletzt Referent für Energie- und Umweltpolitik des Österreichischen Bauerbunds.

"Wiener Zeitung":Herr Karner, Sie sagen, Österreich kann seine Energieversorgung vollständig aus erneuerbaren Energiequellen sichern. Wie schnell könnte eine Umstellung passieren?

Alexander Karner: Wir kommen an einer Energiewende nicht vorbei, eine Umstellung in der Wärme, im Strom und im Verkehr ist notwendig, denn Öl und Gas können wir uns nicht länger leisten. Das ist bei vielen noch nicht angekommen, weil sie sich ein Leben ohne fossile Brennstoffe nicht vorstellen können. Unser Heizsystem oder der Verkehr werden sicher nicht in den nächsten Jahren umzustellen sein. Hier müssen noch die langfristigen politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die richtigen Impulse Richtung Biomasse und Solarthermie zu finden. In diesem Zusammenhang muss das neue Klimaschutzgesetz die richtigen Akzente für die Wärmeversorgung, aber auch für den Verkehr setzen.

Dennoch gibt es Lichtblicke: Der Strombereich, der traditionell einen hohen Anteil an erneuerbaren Energien hat, kann schon bald vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Das neue Ökostromgesetz, das im Sommer dieses Jahres beschlossen wurde, war ein erster wichtiger Schritt.

Bei welchen Energiequellen sehen Sie das größte Potenzial?

In allen Bereichen gibt es noch Steigerungsmöglichkeiten, im Strom ist es sicher die Photovoltaik, aber auch der Wind, die das größte Potenzial haben. Auch die Wasserkraft hat noch Potenziale. Im Biomassebereich geht der Trend in Richtung dezentrale Anlagen, auch zu sogenannten Mikro-Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die effizient Strom und Wärme für mehrere Gebäude liefern können.

Es gibt bereits Förderungen für erneuerbare Energien, thermische Sanierung und so weiter. Reichen die Maßnahmen nicht aus?

Wir brauchen mehr als Förderungen und kurzfristige Programme, sondern eine ökosoziale Steuerreform, leichtere Zugänge zu den Investitionsförderungen und einen Abbau bürokratischer Hürden für Investoren. Außerdem müssen wir die Machbarkeits- und Bewilligungsverfahren überdenken, etwa die Umweltverträglichkeitsprüfung: Nicht nur Flora und Fauna sind wichtig, sondern auch der CO2-Ausstoß und seine ökologischen und ökonomischen Folgekosten.

Was können erneuerbare Energien wirtschaftlich bringen?

Investitionen in erneuerbare Energien sind eine Win-Win-Situation sowohl für Produzenten, Betreiber als auch für Konsumenten. Sie sind krisensicher und weitaus preisstabiler und kostengünstiger als Öl und Gas. Interessant sind auch Modelle, bei denen sich Konsumenten direkt an Investitionen beteiligen, wie zum Beispiel bei der Photovoltaik-Anlage in Mureck in der Steiermark. Statt das Geld auf eine Bank zu legen, wird in eine gemeinschaftliche Anlage investiert, die den Ort mit Strom versorgt. Mit der Zeit erwächst den Bürgern daraus eine Rendite. Erneuerbare Energien haben aber auch positive volkswirtschaftliche Effekte. Die Wertschöpfung bleibt im Land, es werden Arbeitsplätze geschaffen. Für einige Sektoren schaffen sie überhaupt neue Perspektiven. So zum Beispiel für die Landwirte, die vom reinen Rohstoffversorger zum Energieversorger in den Regionen werden.

Wäre Österreich mit einer vollständigen Versorgung aus erneuerbaren Energiequellen energieautark?

In erster Linie muss es in Österreich gelingen, sich von Öl- und Gasimporten weitestgehend unabhängig zu machen. Dabei hilft uns der Ansatz Energieautarkie sehr.

Dennoch können wir uns vom internationalen Energiemarkt nicht abschotten. Österreich ist in eine bestehende Netzinfrastruktur eingebunden, die auch dringend ausgebaut und saniert werden muss, wenn wir in ganz Europa die erneuerbaren Energien voranbringen wollen.

Tipp: "Wiener Zeitung" und Europäisches Forum Alpbach laden zum Alpbach-Talk über "Blackout oder Energieschub - Wie schafft Europa die Umstellung auf ein nachhaltiges, umweltverträgliches und leistbares Energiesystem?" Termin: 14. Dezember 2011, 19:00 Uhr, Musensaal der Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien.