Wien. Umweltforscher schlagen Alarm: In den größten Flüssen gefährden Wasserkraftwerke die Fischbestände in drastisch zunehmendem Ausmaß. Rund ein Drittel der Artenbestände von Frischwasserfischen lebt im Amazonas, im Kongo und im Mekong. Derzeit stehen an diesen Flüssen 837 Kraftwerke und sind 450 weitere geplant. "Fische sind die wichtigste Nahrungs- und Einkommensquelle für die Ufer-Bewohner", warnen Wissenschafter der internationalen Nonprofit Organisation World Fish im renommierten Fachmagazin "Science": "Sie ermöglichen das Überleben."

Der Mekong in Südostasien ist mit fast 5000 Kilometern einer der längsten Flüsse der Erde. Allein im Unteren Mekong-Becken liefern Wasserbewohner 80 Prozent der tierischen Eiweiße, die die Menschen dort verzehren. Kraftwerke, die der Energieerzeugung dienen, werden jedoch in der Regel an Wasserfällen errichtet, wo die größte Biodiversität herrscht. Die Dämme blockieren die Fischwanderung, trennen Populationen und schränken deren Fortpflanzung ein. Sie versperren den Weg in Überschwemmungsgebiete, wo die Fische Nahrung finden, laichen und ihren Nachwuchs großziehen.

"Solchen Auswirkungen von Wasserkraftwerken wurde bisher in diesen Ländern zu wenig Beachtung geschenkt. Geldgeber haben nicht den nötigen Überblick wenn sie Dammprojekte genehmigen, während die Projektentwickler nur nationale Ziele vor Augen haben. Die Gefahren für die Region und die Biodiversität werden vernachlässigt", erklärt Eric Baran, Senior Scientist von World Fish, in einer Aussendung seiner Organisation. Allein im Mekong seien zwischen 700.000 und 1,6 Millionen Tonnen Fische und einzigartige Spezies in Gefahr, oder etwa so viele wie der gesamte Fischereisektor in Dänemark plus das Fünffache des finnischen Sektors. Die Forscher unterstreichen, wie wichtig eine ganzheitliche, innovative, nachhaltige Bauplanung in diesen Regionen wäre.

Um das zu erreichen, müsste wohl die Hand des Gesetzes durchgreifen - so wie hierzulande. Gemäß der EU-Wasserrahmenrichtlinie müssen in den Mitgliedsstaaten bis 2027 alle Flüsse für Fische durchgängig gemacht werden. Denn: "Fischereiverbände setzen Flossenträger in fast allen Staubecken auch in Österreich aus, weil sie aus den darunterliegenden Flüssen nicht mehr hinaufkommen können. Bei den größeren Flüssen ist das natürlich ein unfassbares Problem, weil sich die Arten nicht mehr fortpflanzen können", erklärt Wolfgang Lusak, Mediensprecher von Hydroconnect. Die oberösterreichische Firma hat einen spiralenförmigen Lift erfunden, mit dem die Wasserbewohner sowohl nach unten als auch nach oben wandern können. Während herkömmliche Fischaufstiegshilfen aus Beton sehr viel Platz einnehmen, wird der neue Fischlift, den das Lebensministerium zur Genehmigung empfiehlt, in die Kraftwerke eingebaut.

Wasserbewohner weniger stark ausgebeutet als Landtiere


Kraftwerke sind nur einer der vielen, ja unzähligen Eingriffe, mit denen der Mensch die Umwelt oft unwiederbringlich verändert. US-Forscher der Universität Stanford hatten vergangenen Sommer berechnet, dass sich die Welt nicht am Anfang, sondern in der Mitte eines sechsten Massensterbens befindet, in seinen Auswirkungen mit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen vergleichbar. Forscher um Johan Rockström vom Stockholm Resilience Center konstatieren, dass die genetische Vielfalt des Lebens auf der Erde bereits auf ein Ausmaß geschrumpft sei, das im roten Alarmbereich liegt, sodass unser Überleben gefährdet sei.

Gerhard Herndl, Ozeanograph an der Universität Wien, teilt die Ausbeutung der Natur durch den Menschen in Land und Wasser. Ihm zufolge werden Landtiere sogar noch stärker ausgebeutet als Meeres- und Flussbewohner. Während der Mensch zu Land nicht Raubtiere - wie Wölfe, Tiger, Löwen oder Panther -, sondern Beutetiere wie Rehe oder Hühner verzehrt, macht er sich über die großen Räuber des Wassers sehr wohl her. Zwar verschlingt er mit Thunfischen oder Lachsen die Spitze der Nahrungskette. Da von ihnen aber viel weniger existieren, würden wir Menschen Wassertiere doch etwas weniger nachhaltig als Landtiere ausbeuten. Trost kann das - dennoch - keiner sein.