Auto in der Zwickmühle: Soll es die Fußgänger oder den Passagier schützen? - © Iyad Rahwan/Science
Auto in der Zwickmühle: Soll es die Fußgänger oder den Passagier schützen? - © Iyad Rahwan/Science

Wien. Wenn Nir Gideon auf der Autobahn überholt, wirkt das fast wie Magie. Der 34-Jährige legt die Hände in den Schoß und schaut zu, wie der Blinker angeht, das Auto die Spur wechselt, beschleunigt und an der hügeligen Landschaft vor Jerusalem vorbeibraust. Gideon testet das autonome Fahren für die israelische Firma Mobileye. Das Unternehmen entwickelt Technologie für Roboterautos, samt Kamerasystem, Algorithmus und speziellem Chip.

Die Kameras erfassen die Gefahren. Der Chip steuert die Elektronik und stoppt das Auto, um Unfälle zu verhindern. Die Technologie ist anders als jene des Rivalen Google, der statt Kameras auf Laserradar setzt. Mobileye arbeitet mit VW, BMW, Volvo und dem Elektroauto-Hersteller Tesla. Denn dass die Straße künftig selbstfahrenden Fahrzeugen gehört, gilt unter Autokonzernen als ausgemacht: Zwischen ihnen ist ein Wettlauf entbrannt. Ihrer Ansicht nach könnten autonome Autos bis zu 90 Prozent der Unfälle auf der Straße vermeiden.

Programme reichen nicht an menschliche Intuition heran


Was ist aber dann, wenn es doch passiert? Wer trägt bei Unfällen die Verantwortung, wenn kein Fahrer, sondern ein Algorithmus am Steuer sitzt? Zu diesem Zweck sind an Gideons weißem Audi acht Kameras befestigt für eine 360-Grad-Sicht. Ein Bildschirm neben dem Lenkrad zeigt an, was die Kameras sehen: Die freie Fläche vor dem Auto ist ungefährlich grün, weiter entfernte Fahrzeuge sind gelb, nahe, potenziell gefährliche rot umrandet. Und letztlich muss das Auto aus allen Daten eine Entscheidung treffen: Was tun, wenn von links ein Fußgänger vor das Auto läuft, rechts aber ein Fahrradfahrer kommt? Und was, wenn fünf Fußgänger plötzlich über die Fahrbahn rennen? Das fahrerlose Auto könnte ausweichen - wenn es (rechts) in eine Betonwand oder (links) in einen Abgrund fährt. Dabei könnte jedoch aber der Passagier zu Tode kommen.

"Damit ein Auto voll autonom wird, muss es menschliche Intuition und ein menschliches Gefühl haben", betont Lior Sethon, Europa-Chef von Mobileye, in einem Interview mit der Austria Presse Agentur. Das bedeutet: Autos müssen ethisch richtige Entscheidungen treffen können.

Um eine öffentliche Debatte dazu anzustoßen, haben französische Forscher der Universität Toulouse US-Bürger befragt, wie selbstfahrende Autos ihrer Meinung nach in Gefahrensituationen agieren sollten. Die Forscher um Jean-Francois Bonnefon führten sechs Online-Befragungen im Zeitraum zwischen Juni und November 2015 durch. Zusätzlich konnten die Testpersonen unterschiedliche Unfall-Situationen interaktiv nachstellen.