Wien. Rund 70.000 bis 100.000 dringend benötigte Fachkräfte könnte Österreich durch gezielte Zuwanderungspolitik und erfolgreiche Integration bereits im Land befindlicher Migranten dazugewinnen, meinte jüngst Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl. Gerade, was Migranten in Summe betrifft, gibt es jedoch große Herausforderungen: So fehlt vielen von ihnen die nötige Ausbildung. In der Praxis ist es jedoch auch nicht immer leicht, eine solche zu erlangen.

Madalina-Bianca etwa spricht einwandfrei Deutsch. Dabei ist sie erst vor vier Jahren nach Österreich gekommen. Die gebürtige Rumänin will eine Lehre zur Bürokauffrau machen. Doch trotz Bewerbungen und ersten Vorstellungsgesprächen ging die 17-Jährige bisher leer aus. "Ich nehme das schon persönlich und denke mir, das ist vielleicht, weil ich hier neu bin", sagt Madalina-Bianca. Nun soll "Jugend am Werk" helfen, wo sie momentan eine über das Arbeitsmarktservice (AMS) vermittelte Berufsorientierung für Unter-18-Jährige besucht.

Anfang September beginnt ein neues Lehrjahr. Im Schuljahr 2009/2010 hatten nur 8,8 Prozent der Berufsschüler eine andere Muttersprache als Deutsch. In den Polytechnischen Schulen, die viele Jugendliche davor besuchen, waren es 23 Prozent. Wie viele davon die Ausbildung wirklich abbrechen, lässt sich anhand dieser Zahlen nicht sagen. Laut einer Studie aus 2010, die vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend in Auftrag gegeben wurde, scheiden jedoch rund ein Drittel bis maximal die Hälfte aller Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne weiterführenden Abschluss aus dem Bildungssystem aus.

Migrantische Unternehmen haben oft keine Lehrlinge

Alfred Freundlinger, Bildungspolitik-Experte der Wirtschaftskammer (WKO): "Es ist bekannt, dass im gesamten Berufsbildungsbereich der Migrantenanteil unterdurchschnittlich ist." Bei der Lehre habe das unter anderem damit zu tun, dass migrantische Unternehmer selbst oft keine Lehrlinge ausbilden. Laut Freundlinger aus zwei Gründen: Auf der einen Seite hätten migrantische Unternehmer diese Ausbildungsmöglichkeit nicht immer auf dem Radar: "Die Lehre stellt eine Tradition dar, die sich vor allem auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, Menschen aus anderen Ländern denken oft gar nicht daran", erklärt Freundlinger.