Wien. Ihre Wurzeln liegen in der Türkei, in Deutschland sind sie als Frauenrechtlerinnen aktiv, in der Öffentlichkeit sind sie aktive Teilnehmerinnen an der Islam-Debatte. Von Necla Kelek, Serap Cileli und Seyran Ates ist die Rede. Mittwochnachmittag sind die drei erstmals gemeinsam aufgetreten, und zwar in Wien. Die Initiative "Frauen ohne Grenzen" hatte die Buchautorinnen in die Diplomatische Akademie eingeladen, um über die Bildungssituation migrantischer Jugendlicher zu reden.

Die Rechtsanwältin Seyran Ates und die Soziologin Necla Kelek lehnten beide das Multikulturalismus-Konzept ab. "Dabei geht es um kugelartige Identitäten, zwischen denen ein interkultureller Dialog zu führen sei", meinte Ates. Laut Kelek stützt sich der Multikulturalismus auf das "gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener Kulturen und Identitäten". Das Abdriften von Zuwanderern in abgeschlossene Gesellschaften sei genau wegen dieses Konzepts ignoriert worden.

Bei den Lösungsvorschlägen zeigten sich Unterschiede. Ates sprach von Transkulturalität, Kelek ging es hingegen um die westliche Wertegemeinschaft. Mit teils sehr persönlichen Wortmeldungen spaltete Kelek das Publikum, sorgte für Applaus, andere schüttelten den Kopf. Deutlich wurde Keleks Enttäuschung über ihre eigene, die türkische Community, die nicht so erfolgreiche Lebensbiografien vorweisen könne wie früher Juden oder Gastarbeiter aus Italien und Griechenland. "Die Begeisterung für die Freiheit, die möchte ich an meine Landsleute weitergeben", unterstrich Necla Kelek.

Für Kelek bedeutet Integration die Aneignung von Werten einer Gesellschaft. Diese Aneigung vermisst sie speziell bei der muslimischen Zuwanderungsbevölkerung. Die nachhaltigste negative Wirkung habe die Heiratsmigration gehabt. Nach dem Anwerbestopp von 1973 sei Heirat - neben Asyl - die einzige Möglichkeit gewesen, aus der Türkei noch nach Deutschland zu kommen. "Familien verheiraten ihre Töchter und Söhne mit Partnern aus der Familie oder dem Heimatdorf", erzählte Kelek. "Mit den Bräuten kam auch das anatolische Dorf. Sie kannten meist weder die Sprache, noch mussten sie Deutsch lernen, denn in den Familien war vom Essen bis zur Kindererziehung alles türkisch. Ihre Kinder lernten kein Deutsch."

Äußert negativ waren auch Keleks Ausführungen über die Folgen der Flüchtlingsmigration nach dem Militärputsch von 1980, sowie über die türkischen Kleinbetriebe und Moscheen. Nach 1980 seien vorrangig kurdische Flüchtlinge gekommen, die "kurdische Kollektivstrukturen" errichtet hätten, die von kriminellen Strukturen beherrscht worden seien - Stichwort: Drogenkartelle und PKK. Türkische Unternehmen seien primär im Handel und bei Dienstleistungen erfolgreich. "Meist ist dafür keine qualifizierende Ausbildung erforderlich. So erfolgreich dieses Modell der Familienwirtschaft im Einzelnen ist, so prekär sind die Arbeitsbedingungen der darin Beschäftigten." Familienangehörige würden "meist ohne Sozialversicherung oder oft auch ohne Lohn mitarbeiten". Moscheen wiederum würden zum Zentrum einer "Schattenwirtschaft", Stadtteile seien mittlerweile in türkisch-muslimischer Hand".