Berlin. Eine Sitzbank in den Wolken, das ist das Bühnenbild. Hier werden über eineinhalb Stunden 50 Jahre türkische Gastarbeit in Deutschland verhandelt. "Pauschalreise - Die 1. Generation" heißt das Stück von Hakan Savas Mican, mit dem am Mittwochabend im Berliner postmigrantischen Theater Ballhaus Naunyn-straße ein zwei Monate dauerndes Theaterfestival eröffnet wurde.

"Almanci! - 50 Jahre Scheinehe" lautet der Titel dieses Theaterfestivals. Regisseur Lukas Langhoff hat mit dem Eröffnungsstück "Pauschalreise - Die 1. Generation", nach den Stücken "Klassentreffen - Die 2. Generation" und "Ferienlager - Die 3. Generation", eine Generationentrilogie abgeschlossen.

Folgenschwere Vereinbarung

Das Festival selbst bezieht sich auf das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei vor 50 Jahren, mit dem die Einwanderung von Gastarbeitern in die Bundesrepublik begann. Es war eine folgenschwere Vereinbarung, die aus Deutschland wieder ein Einwanderungsland gemacht hat. Heute ist Berlin die "größte türkische Stadt außerhalb der Türkei", die eingewanderte Minderheit prägt seither das Land deutlich mit.

"Almanci" - so werden die in Deutschland arbeitenden Türken in der Heimat von ihren Landsleuten abschätzig bezeichnet. Zum Titel "50 Jahre Scheinehe" heißt es im Programmheft, dass es keine Zwangs- aber auch keine Liebesheirat gewesen sei, die da vor 50 Jahren geschlossen wurde. Beide Teile leben seit fünf Jahrzehnten vielmehr nebeneinander her.

Doch auf der Bühne in der Naunynstraße öffnet sich den Deutschen der Kosmos des unbekannten Nachbarn: Da spielen Türken oder Türkischstämmige die Türken von nebenan, deren Sorgen und Freuden, ihr Selbstverständnis, die Brüche und Unstimmigkeiten. Sie erfahren, was diese Menschen bewegt, worum ihre Gedanken kreisen.

50 Jahre Leben in Deutschland, das bedeutet allerdings auch Konflikt zwischen den Generationen, Konflikt mit den zwei Seelen in der eigenen Brust. Die Handvoll Szenen greift aus dem Alltag der Migranten in Berlin: die idealistische Enkelin und der germanisiert abgeklärte Opa, die frustrierte Hausärztin, die ihre Verzweiflung am alten Patienten ablädt, die Mutter, die ihr Kind in der Türkei zurücklässt, weil man ohnedies nur ein paar Jahre wegbleibt. Ein paar Jahre, aus denen ein Leben wird. Das Publikum kann lachen, doch mitunter ist es ein trauriges Lachen. Regisseur Langhoff hat schlaue Ideen gefunden, um den Abend, bar nahezu jeglicher Requisite, nicht deklamatorisch werden zu lassen. Dabei konnte er eine weitere Hürde erfolgreich meistern, nämlich aus den (älteren) Profi- und den (jungen) Laienschauspielern ein homogenes Team zu formen.

Im tiefen Kreuzberg

Dass nicht nur die Dargestellten Türken sind oder einen türkischen Migrationshintergrund haben, sondern auch die Schauspieler, bedeutet für den Neuling im Ballhaus Naunynstraße sowohl eine neue Theater- als auch eine neue Türkeierfahrung.

Das Theater, einer der zahlreichen ehemaligen Berliner Ballsäle, liegt im tiefen Kreuzberg, da, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist, wo türkische Reisebüros sich neben türkischen Banken und Gemüsehandlungen drängen. 2008 hat hier Shermin Langhoff, Gattin des Regisseurs am Eröffnungsabend, das "postmigrantische Theater" gegründet. Seither hat das Theater mit nahezu 100-prozentiger Auslastung immer wieder in der Kulturlandschaft der deutschen Hauptstadt auf sich aufmerksam gemacht. Zuletzt war es aufgefallen, als es mit dem Stück "Verrücktes Blut" zum sonst eher elitären Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Shermin Langhoff hat auch das bis 31. Oktober laufende Festival "Almanci! - 50 Jahre Scheinehe" organisiert. Noch die ganze kommende Saison leitet sie das Ballhaus, bevor sie in die Chefetage der Wiener Festwochen wechselt.

Zum Festival gehören neben Theateraufführungen auch "literarische Erinnerungen und Fortschreibungen" unter dem Titel "Vibrationshintergrund". Außerdem werden mehr als 50 Filme zum deutsch-türkischen Thema gezeigt. Die Schau im Kreuzberger Kino Eiszeit trägt den Titel "Gegen die Leinwände" und zeigt unter anderem den Streifen "Wir haben vergessen zurückzukehren" von Fatih Akin.