Berlin. Er ist ein Mann, der sagt, er habe nichts gegen Muslime, er finde sie nur meist dumm. Ein linkischer Typ, der ausspricht, was sich sonst angeblich keiner zu sagen traut: dass sich Deutschland abschafft und Muslime Europa unterwandern. "Ich habe nie jemanden beleidigt", sagt Thilo Sarrazin, und nippt am türkischen Tee. Es ist schwierig, einem Mann diese Worte abzukaufen, der davon ausgeht, dass ganze Volksgruppen aufgrund ihrer Gene weniger intelligent sind.

Es ist Montagabend in Berlin-Neukölln. Sarrazin, 66, sitzt in einem kleinen, hellen und schmucklosen Erdgeschoß des Vereins "Aufbruch Neukölln". Deutschlands erste Selbsthilfegruppe für türkische Männer und deren Leiter, Kazim Erdogan, 58, haben den "Integrationsexperten" eingeladen. Die etwa 40 Männer und zehn Frauen wollen mit dem Ex-Bundesbanker diskutieren, der seit einem Jahr nicht wohlwollend über sie spricht. Sie wollen ihm schildern, wie sie sich seit dem Erscheinen seines Buches fühlen.

"Recht auf Respekt"

Irgendwie liegt es auch nahe, dass Sarrazin die Menschen trifft, die er regelmäßig kritisiert. Sein letzter Versuch, mit Migranten in Kontakt zu treten, war eher kläglich. Sein Marsch mit einem Kamerateam durch Berlin-Kreuzberg endete mit "Sarrazin muss weg!"-Rufen. Heute Abend soll es anders ablaufen. Keine Kameras, kein Krawall, ein sachlich-diplomatischer Austausch soll es werden. Erdogan stellt sich vor die Gruppe, hält eine kurze Rede auf Türkisch: "Egal, wie sehr er uns aufregt, er ist unser Gast", sagt Erdogan. "Jeder Mensch hat das Recht auf Respekt." Sie halten sogar einen Parkplatz für ihn vor der Haustür frei.

Sarrazin kommt zehn Minuten zu spät, sieht entspannt aus und setzt sich. "Herr Sarrazin, wir wollen über das Menschliche reden", begrüßt ihn Erdogan. "Darüber, wie wir uns fühlen." Sarrazin nickt, die Hände unter die Achseln geklemmt. "Ich freue mich, dass ich willkommen bin", fängt er an und redet über sein Buch.

Den Namen von Erdogan spricht er den ganzen Abend falsch aus, wie alle anderen ausländischen Namen. Dann ist er schon nach wenigen Minuten bei den Statistiken, betont, er habe sich für Einzelfälle interessiert, er gestikuliert viel, rückt immer wieder seine Brille zurecht. Hier treffen zwei Weltanschauungen aufeinander. Die Sicht der Migranten, die sich nicht mehr willkommen glauben, und die Sicht Sarrazins, der sie wirtschaftlich ausmisst. Irgendwo dazwischen liegt die deutsche Migrationsdebatte.

Sarrazin und Erdogan sitzen gemeinsam an einem Tisch, vor sich die Männer und Frauen, dicht zusammengedrängt wie artige, gut vorbereitete Schüler, die sich Mühe geben. "Wovor haben sie Angst?", will Erdogan von Sarrazin wissen. "Ich habe vor nix Angst", antwortet der. "Bevor sich Deutschland abwirtschaftet, liege ich schon unter der Erde. Aber wenn ich an mein Volk denke, dann habe ich große Sorgen."

Sarrazin ist schwer zu fassen, er antwortet auf Fragen mit Statistiken. Mit dem Anspruch, gegen die linke Political Correctness anzurennen, umgibt er sich mit der Aura des Aufklärers, während er Standpunkte referiert, die sich widersprechen. Es sind Sätze dabei wie: "Wenn Araber und Türken genauso gut abschneiden würden wie Polen und Russen, dann wäre schon viel erreicht." Und: "Wegen der tollen Sozialleistungen kommen die Menschen hierhin."

Als ein Mann auf Türkisch erklärt, sein Sohn werde seit Erscheinen des Buches verstärkt auf dem Gymnasium gemobbt, nickt Sarrazin freundlich. Die Stimmung erinnert zeitweise an ein geselliges Kaffeekränzchen, es fehlt nur der Blechkuchen. Doch es hat sich einiges angesammelt bei den Anwesenden, bei den Wortmeldungen sagen viele ihre Meinung und wenige stellen eine Frage.

Bei einer Frau zittern die Lippen, als sie Sarrazin kritisch nach dem Sinn seines Buches fragt. Ein Zahnarzt beklagt, er finde keine deutschen Mitarbeiter. Dennoch sind alle nett zueinander, der Ton wird selten laut. Die Leute hier wollen Sarrazin zeigen, dass man auch mit Migranten auf Augenhöhe diskutieren kann. Ihre Bemühungen sind rührend. Als Sarrazin ein wenig Wasser auf den Tisch schüttet, tupft ein Mann dieses mit der Serviette weg.

Schließlich kann der Gast dann doch nicht der Lust an der Provokation widerstehen. Als eine junge Kopftuchträgerin ihn fragt, ob er seine Kritik ihr gegenüber fair finde, antwortet er trocken: "Mein Tipp, nehmen Sie das Kopftuch ab. Dann spricht Sie auch niemand mehr darauf an."