Wien. Dschihadisten und Vertreter des politischen Islam haben in Europa in den letzten zehn Jahren vor allem eins erreicht: Aufmerksamkeit; die Ersten durch Terroranschläge, die Zweiten zuletzt wegen ihrer Beteiligung an Wahlen in Tunesien und Ägypten. In der Bevölkerung herrscht nach wie vor Unklarheit über die Gefährlichkeit der Islamisten für Europa. Beide Gruppen sind nicht repräsentativ für Europas Muslime. Doch was wissen wir eigentlich über sie? Kürzlich widmete sich eine Tagung an der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin dem Thema.

Eher bescheiden sei die Bilanz des dschihadistischen Terrors in Europa, betonte Edwin Bakker vom Centre for Terrorism and Counter Terrorism der Universität Leiden. 65 "dschihadistische Vorfälle" haben sich zwischen 2001 und 2010 in den EU-Staaten ereignet. Darunter waren 30 vereitelte Terrorattentate. Einige Attentate endeten tödlich - siehe Madrid, London, Theo van Gogh, Glasgow und Stockholm. An die 40 Netzwerke und 343 "dschihadistische Terroristen" konnten ausfindig gemacht werden. "Diese Gesamtzahl ist erfreulicherweise sehr gering", hielt Bakker fest. Die meisten terroristischen Vorfälle in Europa gingen auf das Konto des Separatismus.

Mittlerweile wurde ermittelt, ob es Gemeinsamkeiten in den Biographien der Attentäter gibt. "Den typischen dschihadistischen Terroristen gibt es in Europa nicht", erklärte Bakker. Alter, Bildung, Herkunft sind verschieden. Die meisten sind aber um die 27 Jahre alt und fast alle sind männlich; mehr als die Hälfte wuchs in Europa auf, viele stammen aus nordafrikanischen oder pakistanischen Familien. Oft gehören sie eher ärmeren Schichten an, und relativ viele waren schon vorher in andere Verbrechen verwickelt.

Die meisten Angehörigen innerhalb eines Netzwerks sind gleich alt und stammen aus der gleichen Gegend. Viele waren miteinander verwandt oder schon vor ihrer Radikalisierung miteinander befreundet. Teils radikalisierten sie sich gemeinsam. Vom globalen Netzwerk Al-Kaida agierten die europäischen Zellen großteils unabhängig.

Dschihadisten greifen bedenkenlos normale Bürger an, nicht nur Polizisten und Politiker, betonte Edwin Bakker im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Dies sei einer der Gründe für die große Angst, die sie in Europa erzeugten. Hinzu menge sich eine diffuse Angst vor Islamisierung und einer Machtübernahme der Muslime. Die Anti-Islam-Debatte habe die Lage erschwert und verkleinere den Raum für Politik, Polizei und Geheimdienst. Beispielsweise sei es riskant, verhafteten Dschihadisten die Chance auf ein neues Leben zu geben. Sobald Geert Wilders und Co. davon erfahren, gebe es den großen Aufschrei. Mittlerweile ist darüber hinaus der rechtsextreme Terrorismus gefährlicher geworden, wie etwa der Oslo-Attentäter zeigte.