Wien. Der revolutionäre Flächenbrand, den die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in der arabischen Welt ausgelöst hat, ist auch an den Wiener Moscheen nicht spurlos vorübergegangen. "Verschiedene Imame, wie auch ich, haben den Aufbruch in Tunesien schon vor dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali thematisiert", erzählt Tarafa Baghajati, der unter anderem in der Taiseer Moschee im zehnten Wiener Gemeindebezirk gepredigt hat.

Bouazizis Suizid warf auch islamrechtliche Fragen auf: Selbstmord ist im Islam verboten. Die Al-Azhar-Universität in Kairo und saudi-arabische Gelehrte verurteilten deshalb umgehend die Tat. "Wir befinden uns in klarer Gegnerschaft zu diesen Fatwas (Rechtsgutachten)", sagt dazu Baghajati. "Unsere Meinung über ihn ist: Er ist ein Märtyrer für Gerechtigkeit, aber seine Tat ist absolut nicht nachahmenswert. Sein Handeln geschah im Affekt." Anerkannte islamische Institutionen seien "leider zu Sprachrohren des jeweiligen Regimes verkommen. Bei Al-Azhar macht sich nach der Revolution erfreulicherweise ein politischer Wandel bemerkbar."

Häufig predigte auch der bekannte palästinensische Imam Adnan Ibrahim in der Schura-Moschee in Wien-Leopoldstadt über die politischen Ereignisse. "Scheich Adnan war von Anfang an für die Revolution und hat sich gleich für die Seele von Bouazizi ausgesprochen", erzählt Salih, ein junger Moscheebesucher. Salih schätzt, dass mindestens 600 Personen in den an jedem Freitag bis auf den letzten Platz gefüllten Raum passen, viele davon sind wie Ibrahim gebürtige Palästinenser. Bis zu zwei Stunden dauern Adnan Ibrahims Freitagspredigten - länger als sonst irgendwo. "Deshalb gehe ich so gerne zu ihm hin: Er untermauert alle seine Aussagen mit Belegen und wird dafür auch von Muslimen geschätzt, die nicht seine Meinung teilen", erzählt Salih. Andererseits macht es das auch schwierig, Ibrahims Ausführungen zu folgen, wie er einräumt.

Eigentlich "fast immer" wurde der Arabische Frühling in den Freitagsgebeten der Hidaya-Moschee am Wiener Nestroyplatz angesprochen, erzählt ein Austro-Syrer. "Letzte Woche pries der Imam Ibrahim Demerdash den Gründer der Muslimbrüder Hassan al-Banna, und zitierte viele seiner Aussagen. Viele Besucher dort sind als Muslimbrüder bekannt." Er selber zähle sich nicht zu den Muslimbrüdern, gehe aber gerne hin, weil die Predigten gut und verständlich seien und oft von aktuellen politischen Ereignissen handeln. Auch der vertraute Rahmen gefalle ihm. Vier- bis fünfhundert Personen passen in die Hidaya-Moschee.