Wien. Fast 50 Leute von jung bis alt haben sich an diesem Sonntagnachmittag in einem Wiener Kellergewölbe zusammengefunden. Es ist bedächtige Stille in dem dicht gefüllten Raum eingekehrt. Der Blick der Leute ist geschlossen nach vorne gerichtet, direkt auf ein großes Holzkreuz. Ein Lied wird angestimmt und die Menge singt mit - in Farsi, der persischen Sprache. Die Leute feiern den sonntäglichen Gottesdienst einer Gemeinde, die fast 100 Leuten hauptsächlich iranischer und vereinzelt auch afghanischer Herkunft eine spirituelle Heimat bietet. Insgesamt gibt es allein in Wien fünf iranische Christengemeinden, dessen Mitglieder zum erheblichen Teil vom Islam zum Christentum konvertiert sind.

Auch Reza A., Mitbegründer der Gemeinde, war Muslim, als er vor 14 Jahren nach Österreich kam. Der erste Kontakt zum christlichen Glauben entstand dabei eher zufällig: Da es außerhalb des Flüchtlingslagers in Traiskirchen so gut wie keine Möglichkeiten zum Zeitvertreib gab, schickte das Ehepaar A. ihre neunjährige Tochter zu einem im Ort ansässigen Missionarsteam, welches in der Weihnachtszeit Kinderprogramme angeboten hatte. Als die Tochter von den Missionaren zurückkam, trug sie ihren Eltern einen Wunsch vor: Sie wollte Christin werden. Während Herr A. zwar überrascht, aber relativ gleichgültig reagierte - "Ich war damals nicht wirklich fromm. Meine Tochter soll sich frei entscheiden, egal ob für den Islam oder das Christentum" -, reagierte seine Frau, die aus einer streng muslimischen Familie stammt, defensiv. Sie vermutete, dass ihre Tochter bei den Missionaren einer Gehirnwäsche unterzogen wurde, und tat den Wunsch ihrer Tochter als "wirres Gerede" ab. Nach vielen Diskussionen mit den Missionaren fing aber auch sie an, über Jesus zu reden. Herr A. blieb skeptisch, doch nach anderthalb Jahren voller Zweifel habe sich ihm Jesus nach eigenem Bekunden offenbart: "Ab da an hat sich unser Leben geändert."

In Wien gründete Herr A. vor rund zwei Jahren die evangelikale Gemeinde. Damals waren sie nur gut ein Dutzend Leute, die sich zu Hause zum Gebetskreis getroffen haben. Mittlerweile platzen die gemieteten Räumlichkeiten aus allen Nähten, sodass die Gemeinde dringend nach einer größeren Örtlichkeit für die Gottesdienste sucht. Die Gemeinde hat mittlerweile über 50 offizielle Mitglieder, wobei die Kinder nicht mitgezählt werden, schließlich gibt es bei den Evangelikalen nur Erwachsenen- und keine Kindertaufen. Zusätzlich besuchen derzeit etwas mehr als 20 Gäste ein Bibelstudium, nach dessen Absolvierung sie ebenfalls vollwertige Gemeindemitglieder werden.

"In Österreich gibt es ungefähr 400 bis 500 iranische Christen", vermutet A.: "90 Prozent von ihnen waren vorher Muslime." Iranische Christengemeinden gibt es nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in Linz, Salzburg und Graz. In den katholischen Gemeinden ist ebenfalls ein signifikantes Wachstum von Konvertiten zu beobachten.

"Erweckung eines Volkes"

Im letzten Jahr stammen 15 Prozent aller Absolventen einer Erwachsenentaufe in Oberösterreich aus dem Iran. Theodor Schweiger vom Bund evangelikaler Gemeinden in Österreich spricht gar von einer "Erweckung eines gesamten Volkes".

Bei evangelikalen Freikirchen kommt es auch immer wieder zu fundamentalistischen oder unseriösen Strömungen. Karl Schiefermair von der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung sind Fälle bekannt, in denen Gemeinden aufgrund der Träume der Pastorengattin entscheiden, da diesen prophetischen Charakter zugesprochen wird. Der Bund der evangelikalen Gemeinden ist bemüht, sich von problematischen Gemeinden zu distanzieren.

Wie viele Iraner sich genau zum Christentum bekennen, lässt sich jedoch nur schwer exakt bestimmen, schließlich müssen die meisten von ihnen ihren Glauben heimlich ausüben. In jeden Fall liegt die Anzahl iranischer Christen im sechsstelligen Bereich, Tendenz steigend. "Vor knapp 20 Jahren hat es im Iran noch sehr viele christliche Märtyrer gegeben. Auch jetzt landen noch Leute wegen ihres Glaubens im Gefängnis", sagt A. Doch gerade die Haftstrafen und Märtyrertoten, so A., ließen die Bevölkerung aufhorchen.

Die Scharia sieht für Abtrünnige die Todesstrafe vor. Auch wenn in Österreich die Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert ist, kann den Gläubigen ihre Religion auch hier zum Verhängnis werden, etwa durch Druck aus dem sozialen Umfeld.