Wien. Atib ist der größte Verband von Muslimen in Österreich. Er verwaltet 60 Gebetsstätten. Seine Imame kommen aus der Türkei. Für deren Ausbildung ist das dortige Präsidium für Religionsangelegenheiten - abgekürzt mit Diyanet - zuständig .

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"Wiener Zeitung":Vertritt das Diyanet ein bestimmtes Islam-Verständnis?

Mehmet Görmez: Das Diyanet wurde gegründet, um die religiösen und moralischen Prinzipien des Islam zu erforschen. Es gehört nicht einer bestimmten Richtung an, auch wenn man manchmal diesen Eindruck hat. Wir bemühen uns, für alle Richtungen offen zu sein. Gibt es aber ein Islamverständnis, das für die Türkei typisch ist? Es gibt keine Unterschiede in den Glaubensgrundsätzen, wohl aber bei deren Interpretation und Anwendung. Aufgrund der osmanischen Tradition haben wir ein natürliches Islamverständnis, das dazu führt, dass es zwischen Religion und täglichem Leben, Wissenschaft und Religion keine Gegensätze gibt. Wir glauben, dass die Religion für den Menschen geschaffen ist und nicht umgekehrt. Das ist der Unterschied.

Wie werden die Imame in der Türkei ausgebildet?

Nach der Grundschule bekommen sie eine siebenjährige Ausbildung, die im Gegensatz zu anderen islamischen Ländern auch wissenschaftlich ist, also Physik und Chemie sowie sozialwissenschaftliche Fächer an der theologischen Fakultät enthält. Danach arbeiten sie drei Jahre lang als Imam. Das ist eine Voraussetzung, um im Ausland tätig zu sein. Vorher besucht ein Imam noch einen Sprachkurs und absolviert eine Prüfung. Die jeweiligen Botschaften helfen dabei, auch ein Verständnis für die Gepflogenheiten des Gastlandes zu vermitteln.

Kürzlich feierten wir 100 Jahre Islamgesetz in Österreich. Der Islam ist hier seit 1902 anerkannt.

Österreich hat in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle. Deutschland zerbricht sich seit fünf Jahren über die Stellung des Islam den Kopf, hat das aber noch nicht geschafft. Europa wurde zu einem Kontinent, in dem auch Muslime leben. Allerdings haben die europäischen Länder noch ihre Zweifel, wie sie ihre muslimischen Bürger behandeln sollen.

Geschätzte 60.000 türkischstämmige Bürger sind Aleviten. Es gibt eine Islamische Alevitische Glaubensgemeinschaft und eine Föderation der Aleviten Gemeinden, die sich nicht "islamisch" nennt. Gehören die Aleviten zum Islam?

Natürlich. Das Alevitentum ist in Anatolien entstanden und eine eigene islamische Richtung. Was Grundsätze und Grundlagen über Gott und den Propheten betrifft, gibt es keine Unterschiede, wohl aber in der Interpretation. Als Diyanet sind wir uns bewusst, dass wir die Bedürfnisse unserer alevitischen Bürger jahrzehntelang vernachlässigt haben. Wir bemühen uns, das wieder in Ordnung zu bringen, und haben begonnen, klassische Werke des Alevitentums vor dem Verschwinden zu bewahren und zu untersuchen.

Für den ehemaligen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich sind Aleviten keine Muslime.

Ich kenne keine Sunniten, die Aleviten nicht als Muslime sehen. Das Alevitentum hat eine Geschichte von 1000 Jahren. Es gibt alevitische Schriften und Volksmusik, die wir gerne singen. Im Übrigen gibt es in unserer Religion keinen Vertreter des Islam. Niemand hat die Befugnis, für den Islam zu sprechen. Wir bieten in der Türkei den Muslimen nur unsere Dienste an, die jene in Anspruch nehmen, die das auch wollen. Darunter sind auch Aleviten. Leider hat es in Dänemark und drei deutschen Bundesländern Gruppen gegeben, die das Alevitentum nicht annehmen, aber versucht haben, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden.

Kurdische Aleviten sollen eher dazu tendieren, sich als nicht-islamisch zu bezeichnen. . .

Es ist richtig: Das ist ein politisches Thema, kein religiöses.