"Wiener Zeitung":

Seit genau 30 Jahren lebt Fuat Sanac in Wien. - © Robert Newald
Seit genau 30 Jahren lebt Fuat Sanac in Wien. - © Robert Newald

1982 sind Sie nach Wien gekommen. Wie viele Moscheen gab es damals?

Fuat Sanac: Ungefähr zehn. Hier lebten nur wenige Muslime, Gastarbeiter, Studenten und Geschäftsleute. Die erste türkische Moschee entstand in den 1970er Jahren im 5. Bezirk. Sie wurde noch von Sympathisanten aller islamischen Gruppen in der Türkei besucht, auch der türkische Botschaftsrat war dabei. Erst Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre hat jede Gruppierung ihre eigene Moschee gegründet. Bei den ersten Wahlen der Islamischen Glaubensgemeinschaft kam es zur endgültigen Trennung. Bei den Wahlreden ist Streit ausgebrochen, die Veranstaltung endete im Chaos.

Hat die Zugehörigkeit zu einer Gruppierung damals eine große Rolle gespielt?

Eigentlich nicht. Alle haben offen miteinander diskutiert. In Deutschland, wo ich vorher war, war das anders. Dort war jede Gruppe so verschlossen, dass sie voneinander nichts wussten.

Haben sich die Gruppen stark voneinander unterschieden?

Ich habe die Trennung in Deutschland damals kritisiert, denn in Wahrheit gibt es keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Alle waren sunnitisch, folgten der hanefitischen Rechtsschule, hatten die gleiche Tradition und stammten aus den gleichen türkischen Städten. Nur die politischen Vorstellungen waren verschieden. Die Trennungen waren künstlich. In der Praxis ging es um das Gleiche.

Erst Anfang der 80er Jahre hat jede Gruppierung ihre eigene Moschee gegründet. Jenis - © Stanislav Jenis
Erst Anfang der 80er Jahre hat jede Gruppierung ihre eigene Moschee gegründet. Jenis - © Stanislav Jenis

Wurde in den Moscheen über Politik gesprochen?

Ab und zu ja. Mich und viele andere hat das sehr gestört. Eine Moschee ist kein Wahlpodium.

Sie waren in den vergangenen Jahrzehnten besonders bei Milli Görüs aktiv. Wie kam es zum Kontakt?

Ich kam 1978 zum Wirtschaftsstudium nach Köln und habe dort niemanden gekannt. Als ich mich nach Hilfe umgesehen habe, wurde ich zu einer Moschee von Milli Görüs gebracht. Vier Monate lang habe ich in einem Verein von Milli Görüs gewohnt, bis sie für mich ein Haus in einer anderen Stadt gefunden haben. Sie haben mich auch bei der Uni angemeldet. So entstand meine Anbindung an Milli Görüs.

Moscheen übernehmen in Österreich und Deutschland auch nicht-religiöse Funktionen. Es gibt Geschäfte, Frisiersalons...