Wien. Österreicher haben eine eigene Art zu niesen. Aida Loos macht es vor. Sie holt tief Luft, verzieht das Gesicht und grunzt ein entnervtes "na geh bitte" oder "net schon wieder". Wenn der Österreicher dann tatsächlich niesen muss, unterdrückt er es. Bloß nicht auffallen lautet seine Devise. So erklärt Loos die österreichische Mentalität anhand einer einzigen Körperfunktion: Jammerlappen, die nicht auffallen wollen. Anthropologie light.

"Wien ist ein Sumpf, der dich hinunterziehen kann, aber in dem auch viel gedeiht", sagt Loos. - © Khorsand
"Wien ist ein Sumpf, der dich hinunterziehen kann, aber in dem auch viel gedeiht", sagt Loos. - © Khorsand

Seit vergangenem Sommer mischt die 32-Jährige die heimische Kabarettszene auf. In ihrem Debüt "Hartes Loos" parodiert die gebürtige Iranerin das keppelnde Wiener Weib genauso wie den präpotenten Psychiater und die essgestörte Perserin. Und wird prompt als neues Poster-Girl gefeiert. Endlich wieder einmal eine Frau, die sich in einer Männerdomäne behauptet, noch dazu eine mit "Migrationshintergrund". Österreich hat wieder eine Ausländerin gefunden, die man als integriertes Aushängeschild bewerben kann.

Loos ist goschert

"Ich finde beides nicht so nennenswert, aber wenn es die Menschen interessiert", sagt Loos und zuckt mit den Schultern. Sie spricht breiten Wiener Dialekt, ist "goschert" und mag es nicht zu "motschkern." Lange hat sie gebraucht, um dieses Österreich zu verstehen. Die Lethargie, dass man dem Leben "so wenig Muße und Leidenschaft" entgegenbringen kann. "Mittlerweile verstehe ich das Phlegmatische besser und bin es auch mehr oder weniger, ob ich will oder nicht", sagt sie. "Der Österreicher ist anders, es dauert sehr lange, bis man bei ihm ankommt. Ich musste andere Dinge sehen, um das begreifen zu können, ihn nicht in eine Schublade zu tun und das Verhalten auch nicht persönlich zu nehmen."

Endlich in Bananenrepublik

Geboren in Teheran, kam Loos mit ihren Eltern und Geschwistern 1985 nach Österreich, unmittelbar nach der Islamischen Revolution. Eigentlich heißt sie Aida Hossein. Loos ist ihr Künstlername, weil ihr die vielen "Os" nicht nur phonetisch gefallen, sondern der Name auch als Hommage an den österreichischen Architekten Adolf Loos verstanden werden kann. Sie schätzt ihn wegen seiner minimalistischen Arbeit.

Man hat ihre Familie beneidet, dass sie nach Österreich zog, weil es hierzulande etwas gab, was im postrevolutionären Iran eine Rarität war: Bananen. Wie Kaviar wurde die Frucht behandelt, was für ein Segen für die Hosseins, in ein Land auszuwandern, in dem es das erlesene Obst en masse gab.

Aufgewachsen im neunten Bezirk, studierte Loos nach der Matura Hotelmanagement in Wien und Holland. Später widmete sie sich der Schauspielerei. Ein brotloser Beruf, befanden die Eltern, der Vater war Statiker, die Mutter im Immobiliengeschäft tätig. Perser haben klare Karrierevorstellungen. Ihre Kinder sollen Ärzte, Rechtsanwälte und Informatiker werden - nicht Clowns, die auf der Bühne andere imitieren und ihr Gesicht zu Grimassen verziehen.

Dabei lässt sich viel Material aus der persischen Mentalität schöpfen: "Dass sie immer zu spät sind, dass sie verfressen sind, dass sie Powernapping als Dauerzustand begreifen und dass die Frauen ständig auf Diät sind", zählt Loos nur einige Klassiker der persischen Hochkultur auf. In ihrem Programm kriegen alle ihr Fett weg, Österreicher, wie Perser.

Kein Ethnokabarett

In Österreich gab es bisher nur einen Perser, der sich über das übermäßig behaarte Volk öffentlich lustig machen konnte: den Kabarettisten Michael Niavarani. Viel hat er an Aufklärungsarbeit geleistet, den Österreichern die persische Seele erklärt und den Iraner die Kunstform Kabarett, befindet Loos: "Ich muss weder bei den Österreichern bei null anfangen noch bei den Persern, dafür bin ich ihm dankbar." Als Ethnokabarett will Loos ihr Programm nicht verstanden wissen. Das Kabarett war ein Befreiungsschlag für sie. Bisher hatten Regisseure die Schauspielerin immer nur für "exotische" Rollen vorsprechen lassen. Dunkle Haare, dunkle Augen, dunkler Teint - sie kann nur die Türkin oder die Putzfrau spielen. Mehr ist nicht drinnen.

Irgendwann hatte Aida Loos genug davon, Klischees zu bedienen. Als Kabarettistin ist sie ihre One-Woman-Show. "Ich will nicht motschkern, ich habe mein eigenes Programm mit vielen Figuren, mit denen man mich als Schauspielerin nicht besetzen würde", erzählt sie. Und sie bedient sich dabei einer Musik fernab von 1001 Nacht: dem Wiener Lied.

"Ich habe mich verantwortlich gefühlt, dieses Wienerische nicht aussterben zu lassen, weil diese Lieder so genial sind." Der Komponist Hugo Wiener zählt zu ihren größten Idolen. Gerne würde sie mit dem verstorbenen Autor Hunderter Lieder auf ein Bier gehen und plaudern. Vielleicht darüber, was für ein hartes Pflaster Wien denn nicht sei, härter gar als New York.

Ein Wien, in dem man sich Tag für den Tag den Respekt des Publikums erkämpfen muss, damit es über sich selbst lachen kann: "Für mich ist Wien ein Sumpf, der dich hinunterziehen kann, aber in dem auch sehr viel gedeiht. Wenn man es schafft, in diesem Sumpf den Kopf über Wasser zu halten, hat man wirklich einen guten Job gemacht."