"Wiener Zeitung": Das Wort "Integration" leitet sich vom lateinischen "integrare" ab, was so viel wie "wiederherstellen" heißt. Was soll in der Integrationswoche (2. bis 12. Mai in Wien, Anm.) wiederhergestellt werden?

Dino Sose: Das Thema Migration wird mit politischen Parolen durch den Schmutz gezogen. Die positiven Seiten werden mit Aussagen wie "Fördern und Fordern" oder "Migranten sollen Österreich etwas zurückgeben" überschattet. Mit der Integrationswoche wollen wir dem Thema seine positive Bedeutung zurückgegeben und zeigen, dass Vielfalt und Mehrsprachigkeit selbstverständlich sind und sein sollten.

Was ist das Besondere an dieser Integrationswoche?

Wir sind eine Migranteninitiative, im Zentrum steht die Partizipation von Migranten. Bei uns sagen nicht Casinos, Lotterien oder Banken, wer integriert ist, sondern die Migranten sagen selbst, was ihnen gefällt und was nicht. Wir bieten eine Plattform, an der sich jeder beteiligen kann. Alle teilnehmenden Organisationen und Firmen engagieren sich freiwillig.

Auffallend ist, dass das Integrationsstaatssekretariat nicht zu den Förderern der Integrationswoche gehört. Warum?

Wir haben versucht zu kooperieren, haben aber unseren Antrag auf Förderung, aufgrund von Respektlosigkeit und Zensur seitens des Staatssekretariats zurückgezogen. Die Beamten wollten erfahren, wer für den Mig-Award (ein erstmals verliehener Preis für Projekte und Personen, die Integration fördern, Anm.) nominiert wurde und erst dann entscheiden, ob sie fördern. Außerdem wollten sie nicht zulassen, dass Richard Schuberth auftritt. (Schuberth hatte im vergangenen Jahr im Rahmen der Integrationswoche Staatssekretär Sebastian Kurz in einem Dramolett aufs Korn genommen, Anm.). Wir sind auf die Förderung nicht angewiesen, Partner haben wir genug.

Wie stehen Sie zur Integrationspolitik in Österreich?

Immer wieder zeigen Statistiken, dass Migranten schlechter da stehen als der Rest der Bevölkerung. Und jetzt sind wir so weit, dass Migranten sich auch noch freiwillig engagieren müssen, um bessere Chancen auf die österreichische Staatsbürgerschaft zu haben. Das ist doch eine Verarschung. Die Integrationspolitik in Österreich richtet sich nicht an Migranten, sondern an die Wähler. Außerdem bin ich der Meinung, dass sich die Institutionen mehr für Migranten öffnen sollten. Ich habe zehn Monate auf Kindergeld und Familienbeihilfe warten müssen, aber wenn das Finanzamt kommt, muss ich innerhalb von zwei Wochen alles offen legen. Keiner kann mir hier vormachen, dass es hier nicht um Diskriminierung geht.

Sind Sie ein Beispiel für gelungene Integration?

Nach den offiziellen Voraussetzungen des Integrationsstaatssekretariats bin ich nicht integriert, weil ich mich etwa nicht für das Rote Kreuz engagiere und nicht in sechs Jahren am Stück lückenlos monatlich mindestens 1000 Euro netto verdient habe. Dabei organisiere ich das größte Integrationsevent des Landes. Das zeigt sehr gut das Paradoxon der hiesigen Integrationspolitik.

Wie stehen Sie zum Begriff "Migrationshintergrund"?

Wir sind vom Ausländer zur Person mit Migrationshintergrund aufgestiegen, sozusagen in das nächste Level. Irgendwann kommen wir dann zum Level, wo wir Wienerinnen und Wiener sein dürfen. Einerseits sind wir jetzt also der Mensch mit Migrationshintergrund, andererseits muss ich im Herzen Österreicher sein. Das passt nicht zusammen.

Wo müsste man ansetzen, damit alle in Österreich lebende Migranten auch in Österreich ankommen?

Es muss für die Ureinwohner klar sein, dass der Geburtsort kein Titel ist. Solange Migranten nicht dasselbe verdienen, die Anträge in der MA 35 ewig lange dauern und Politiker ihre Parolen gegen Zuwanderer schwingen, wird man sich nicht willkommen fühlen. Und wo man nicht willkommen ist, fühlt man sich auch nicht integriert.

Welchen Beitrag können Migranten selbst leisten, um sich in Österreich integriert zu fühlen?

Die erste Generation der Migranten muss akzeptieren, dass ihre Kinder mehrere Identitäten haben. Den Migranten muss klar sein, dass sie aus dem Land ihrer Vorfahren in das Land ihrer Nachfahren gekommen sind. Man kann nicht 50 Wochen pro Jahr wo leben und dann für zwei Wochen nach Hause fahren.

Zur Person

Dino Sose (38) ist seit acht Jahren Geschäftsführer von BUM Media, einem österreichischen Medienunternehmen, das Magazine in serbokroatischer, türkischer und deutscher Sprache herausbringt. Sose wurde in Sarajevo geboren und wuchs in Bosnien-Herzegowina und Deutschland auf. Neben seinem Job als Herausgeber ist der Vater zweier Kinder auch TV-Produzent und Moderator.