Wien. "Wir verkaufen den Zigeunern absolut nichts mehr" stand in einem Bistro am Salzburger Bahnhof. "Kein Platz für Zigeuner" war auf einem Schild am Eingang eines Campingplatzes in Osttirol lesen. Ein Betrieb kündigte seinen Kellner, sobald der Chef herausfand, dass der junge Mann Rom war, und verweigerte ihm gar die Auszahlung seines ausständigen Gehalts.

Diese und andere Fälle dokumentierte der Verein Romano Centro in einem aktuellen Bericht über "Antiziganismus in Österreich", der am Donnerstag vorgestellt wird. In Zusammenarbeit mit der Antirassismusstelle Zara wurden 82 Fälle vorgestellt, bei denen Angehörige der Volksgruppe in den vergangenen acht Jahren diskriminiert, schikaniert und gar angegriffen wurden. Sei das am Arbeitsplatz, in der Schule, in den Medien, im Internet oder vonseiten der Politik, deren Vertreter sie gelegentlich als "rückständige" Menschen beschimpfen, die eine "Neigung hätten, sich über geltende Gesetze" hinwegzusetzen, wie es der EU-Abgeordnete Andreas Mölzer einmal ausgedrückt hat.

"Do brauch ma die Endlösung"

"Wir wollten die Aufmerksamkeit auf diese Form des Rassismus lenken und zeigen, dass antiziganistische Vorstellungen in Österreich weit verbreitet sind und tagtäglich Roma und Sinti und anderen Menschen, die als ‚Zigeuner‘ wahrgenommen werden, unter Diskriminierung und Benachteiligung zu leiden haben", erklärt Ferdinand Koller die Intention hinter dem Bericht. Koller ist Mitarbeiter von Romano Centro, einer Einrichtung, die seit 22 Jahren existiert und es sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebensbedingungen von Roma und Sinti in Österreich mit Lernhilfen für Roma-Kinder, Workshops, aber auch Sensibilisierungsarbeit in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Seit 1993 werden Roma und Sinti als Volksgruppe in Österreich offiziell anerkannt. Politisch hat man versucht, sie stärker zu verankern, so gibt es einen Roma Volksgruppenbeirat, ein Beratungsgremium im Bundeskanzleramt, im öffentlich rechtlichen Fernsehen darf die Roma-Redaktion sechs Mal im Jahr Sendungen auf Romanes gestalten und Volksgruppenbeiratspräsident Rudolf Sarközi bekam vom damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil einen Ehrenprofessortitel.

In der Bevölkerung ist die Volksgruppe deswegen noch nicht anerkannt. Das zeigen die dokumentierten Fälle in dem Bericht. So attackierten beispielsweise 20 junge Männer ein paar Familien, die mit Genehmigung am Schanzengelände in Bischofshofen, Salzburg, campierten. Die Aktion wurde via Facebook orchestriert, wo Einträge zu finden waren wie "am obnd alle zua schonzn aufi mit brettl, stoana, schlogsteck, stongen, etc. und vo oi seitn einistürma und des grausige drecksvolk hoamduschn".

Es wurde auch zu Brandanschlägen aufgerufen, außerdem wurde angekündigt, die Familien mit Feuerwaffen anzugreifen. Einzelne Gruppenmitglieder forderten die "Ausrottung", einer meinte sogar: "Do brauch ma die Endlösung."

Politik müsse konkret gegen Hetze vorgehen

Bis dato wurde kaum zu Antiziganismus in Österreich geforscht. Man wisse nicht einmal genau, wie viele Angehörige der Volksgruppe hierzulande leben, weiß Gilda Horvath, Obfrau des Roma-Vereins Lovara, zu berichten. Die Schätzungen gehen von 30.000 für ganz Österreich bis zu über 100.000 allein für Wien. "Offiziell gibt es rund 35.000 autochthone (also österreichische) Roma, aber zusammen mit den MigrantInnen aus Ex-Jugoslawien sind vielleicht 150.000", sagt Horvath.

Hinsichtlich der benötigten konkreten Maßnahmen sind sich Akteure wie Koller und Horvath einig: Die Medien sollten unbedingt sensibilisiert werden und die Roma sollten in die Erarbeitung und Umsetzung von Projekten einbezogen werden.

"Vieles, was Leute meinen, über Roma oder Sinti zu wissen, gehört in den Bereich stereotyper ‚Zigeuner‘-Bilder, etwa, dass sie Nomaden seien, die Musik im Blut hätten, keine Regeln befolgen können oder kein Privateigentum kennen. Außerdem brauchen wir viel mehr gute Informationen über die Geschichte und aktuelle Situation der Roma, anstatt permanent dieselben Bilder von den Roma als ‚Problem‘ aufzuzeigen", sagt Koller.

Der Bericht ist ein erster Schritt. Er soll alle zwei Jahre erscheinen. Doch es bedarf weitmehr, vor allem seitens der Politik und der Justiz, geben Koller und Horvath zu verstehen. Denn: Fast alle Fälle von Antiziganismus, die vom Romano Centro bei der Staatsanwaltschaft angezeigt wurden, sind eingestellt worden. Horvath findet klare Worte für diesen Umstand: "Die Politik muss zeigen, dass sie diese Art von Hetze nicht will - und eingreifen. Wenn niemand eine Konsequenz fürchten muss, wird die Hetze weitergehen."