Vier Frauen mit schwarz angemalten Gesichtern – über ihnen der Titel "Die Neger". Dieses Bild des Theaterstücks von Jean Genet, neu inszeniert von Johan Simons, ist derzeit auf der Website der Wiener Festwochen zu sehen. Das Schauspielhaus sieht sich nun mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. "Pamoja" – die junge afrikanische Diaspora in Österreich übt in einer Aussendung harsche Kritik an der "rassistischen Inszenierung" und fordert eine Entfernung des Stücks aus dem Wiener Festwochenprogramm.

Problematisch sei nicht nur der Titel "Die N****, sondern auch, dass im Programmheft sowie auf der Website weiße Schauspielerinnen abgebildet sind, die schwarz angemalt sind und Schwarze Menschen darstellen sollen", heißt es in der "Pamoja"-Aussendung auf Facebook. Durch das "Blackfacing", so der Begriff für die rassistische Darstellung schwarzer Menschen, verharmlose hier eine diskriminierende und (neo)koloniale Praxis.

In Genets Uraufführung "Clownerie" von 1958 steht die Hautfarbe als Stigma für Außenseiter im Mittelpunkt und Schwarze seien für ihn die Unterdrückten und Diskriminierten, schreibt Johans auf der Website der Festwochen.

"Weder aufgeklärt noch zu kritischem Denken angeregt"

"Die Wiener Festwochen geben vor, ein internationales, interkulturelles Festival zu sein", heißt es weiter in der Aussendung. "Mit der Aufführung dieses Theaterstücks stehen sie diesem Anspruch allerdings zentral entgegen. Weder wird hiermit aufgeklärt, noch zu kritischem Denken angeregt. Offensichtlich besteht eine mangelnde Bereitschaft sich mit Rassismus und stereotypen Darstellungen im Theater auseinanderzusetzen." Anstelle der rassistischen Fremdrepräsentationen erwartet "Pamoja" selbstbestimmte Positionen auf der Bühne.

"Wir müssen die Angelegenheit prüfen und auf eine Stellungnahme von Johan Simons warten", sagte Maria Awecker von den Wiener Festwochen auf Anfrage der "Wiener Zeitung". "Es geht ja immer um das Unwort", so Awecker. Aber man könne weder Simons noch Genet rassistisches Gedankengut vorwerfen. Die Programmleitung habe nicht mit dieser Reaktion auf das Stück gerechnet und bemühe sich derzeit um ein entsprechendes Feedback des Regisseurs Johan Simons.

Bedingungen von Jean Genet

Problematisch sind allerdings sowohl das "Blackfacing" als auch der Titel. Denn Genet selbst stellte die Bedingung, als er es im Auftrag eines Regisseurs für ein Schwarzes Schauspieler-Ensemble schrieb, auf, dass sein Stück von Schwarzen für weiße Menschen aufgeführt wird. "Das Stück sei, so zürnte er, schwarzen Darstellern auf den Leib geschrieben und für Weiße durchaus ungeeignet", hieß es in einer Ausgabe des "Spiegel" von 1964.

Die Aussendung von "Pamoja" im Wortlaut:

Wiener Festwochen 2014: Schwarze Menschen in Europa gegen Aufführung des Theaterstücks "Die N****" von Johan Simons

Vergangene Woche hat sich im Scheinwerferlicht des Wiener Opernballs gezeigt, was Schwarze Menschen in Österreich als alltägliche Realität erfahren: rassistische Praktiken werden normalisiert und dienen sogar als "Spaßeinlage". Ein Reporter, der sich als schwarzer Mann angemalt hat (Blackface) und ein Komiker, der das N-Wort selbst-verständlich in den Mund nimmt, sind keine Ausnahmen, sondern Symptome von strukturellem Rassismus. Offensichtlich braucht es die Bekanntheit von Kim Kardashian um darauf aufmerksam zu machen, wogegen Schwarze Menschen im deutschsprachigen Raum seit Jahren kämpfen. In Österreich werden Schwarze Menschen beispielsweise jährlich zu den Heiligen Drei Königen mit Blackface unter dem Deckmantel der Tradition konfrontiert, ganz zu schweigen von Verkleidungen am Faschingsdienstag.

Im Rahmen der Wiener Festwochen 2014 wird ein Theaterstück mit dem Titel "Die N****" von Regisseur Johan Simons in Wien aufgeführt. Im Programmheft, sowie auf der Website sind weiße Schauspieler_innen abgebildet, die schwarz angemalt sind und Schwarze Menschen darstellen sollen.

Die Wiener Festwochen geben vor, ein internationales, interkulturelles Festival zu sein. Mit der Aufführung dieses Theaterstücks stehen sie diesem Anspruch allerdings zentral entgegen. Weder wird hiermit aufgeklärt, noch zu kritischem Denken angeregt. Offensichtlich besteht eine mangelnde Bereitschaft sich mit Rassismus und stereotypen Darstellungen im Theater auseinander zu setzen.

Blackface – genauso wie schwarze Masken – ist ein Mittel rassistischer Darstellungstraditionen. Dadurch gibt es keine selbst bestimmte Repräsentation von Schwarzen Menschen, selbst wenn Schwarze Schauspieler_innen in diesem Stück diese Rollen übernehmen. Mit weißen Schauspieler_innen in Blackface wird eine diskriminierende, (neo)koloniale Praxis verharmlost, die nicht nur in den USA als rassistisch gilt.

In Österreich wird mit solchen diskriminierenden Begriffen und Darstellungen Rassismus reproduziert und versucht antirassistische Widerstandskämpfe unsichtbar zu machen. Das N-Wort, das im Titel verwendet wird, kann niemals als eine provokative, aufklärerische Aussage fungieren. Vielmehr wird hiermit eine rassistische Auseinandersetzung aufgezeigt, welche die Verwendung des N-Wortes legitimiert und normalisiert. Die englische Übersetzung des Titels heißt "The Blacks", was keine Übersetzung des N-Wortes ist und nicht zufällig gewählt ist. Das N-Wort steht sowohl im Englischen als auch im Deutschen für die jahrhundertelange Unterdrückung, Versklavung und Tötung von Schwarzen Menschen. Die Benutzung dieses Wortes verharmlost diese Realitäten.

Das Theaterstück fördert nicht nur durch die Reproduktion des N-Wortes im Titel, sondern auch durch Inhalt und Darstellungsweise eine rassistische Haltung, welcher kritisch entgegen gewirkt werden soll.