In einem Legasthenie-Test an einem Wiener Gymnasium sollten die Schüler das Wort "Neger" gemeinsam mit dem Wort "enger" finden. Das Arbeitsblatt, das im heurigen Februar verwendet wurde, stammt aus dem Jahr 1972. - © Simon Inou/M-MEDIA
In einem Legasthenie-Test an einem Wiener Gymnasium sollten die Schüler das Wort "Neger" gemeinsam mit dem Wort "enger" finden. Das Arbeitsblatt, das im heurigen Februar verwendet wurde, stammt aus dem Jahr 1972. - © Simon Inou/M-MEDIA

Wien. "Ein Neger ist ein Neger, da kann er nichts dafür. Da gibt’s hellere und dunklere . . . Ich kenne keine andere Bezeichnung dafür. Wie soll ich ihn sonst nennen?" oder "Das Wort Neger ist ein absolut legitimes deutsches Wort" - diese und andere Aussagen von FPÖ-Politikern geistern seit Andreas Mölzers "Negerkonglomerat"-Sager durch Österreichs Medien. Was den Begriff "Neger" zum Schimpfwort macht, ob es klüger ist, im Diskurs stattdessen "N-Wort" zu sagen, und wohin die Diskussionen rund um das Wort führen könnten, erklärt der Sprachwissenschaftler Manfred Glauninger im Interview der "Wiener Zeitung."

"Wiener Zeitung":Trauen Sie
der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung zu, zu wissen, dass "Neger" ein Schimpfwort ist?

Manfred Glauninger: Das müsste in Umfragen untersucht werden. Ein Indiz dafür, dass es der Mehrheit schon bewusst sein sollte, sind Wörterbucheinträge. Ich denke, viele haben schon einmal im Duden online nachgeschaut oder ein anderes aktuelles Wörterbuch benutzt. In den meisten steht jedenfalls, dass "Neger" ein herabwürdigendes Wort ist.

Spielt die Bildungsschicht hierbei eine Rolle?

Das Interesse an einer "politisch korrekten" Ausdrucksweise hängt meistens schon mit dem Bildungshintergrund zusammen.

Wissen ältere Menschen seltener, dass "Neger" ein herabwürdigendes Wort ist?

Das müsste ebenfalls untersucht werden, um stichfeste Aussagen darüber machen zu können. Es ist aber schon so, dass ältere Menschen als Kinder und Jugendliche in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der das noch kein Thema war. Besonders alte Menschen sind noch in der Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen, in der dieser Begriff bewusst abwertend verwendet wurde.

Seit wann gilt "Neger" in Österreich als Schimpfwort? Und warum?

Mehrere Vereine protestierten gegen die Aufführung von Jean Genets Stück "Die Neger" bei den Wiener Festwochen. - © Wiener Festwochen
Mehrere Vereine protestierten gegen die Aufführung von Jean Genets Stück "Die Neger" bei den Wiener Festwochen. - © Wiener Festwochen

Dieser Begriff hat bereits in Zeiten des Kolonialismus begonnen, negativ behaftet zu sein. Der Kontext des Sklavenhandels hat sich im 18. Jahrhundert mit der fragwürdigen Rassenlehre vermischt. Damals wurde gelehrt, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe "anders" sind. Spätestens im 19. Jahrhundert wurde "Neger" als Begriff abwertend verwendet. Es war ja gewissermaßen Lehrmeinung, dass Menschen dunkler Hautfarbe "anders" - oft im Sinne von zweitklassig - sind. Spätestens mit der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre in den USA und der Emanzipation der schwarzen Menschen war jedoch klar, dass es sich tatsächlich um ein Schimpfwort handelt und dass die überkommenen Rassentheorien nicht haltbar sind. Von da an hätte ein Umdenken passieren müssen. Das Wort "Neger" hat eine fragwürdige Geschichte. Für uns ist heute klar, dass man es nicht verwendet. Und mit "uns" meine ich informierte Menschen beziehungsweise Menschen mit einem Zugang zu diesen Informationen.

Was ist mit dem Begriff "Schwarzafrikaner"? Der ist ja aus ähnlichen Gründen negativ behaftet wie "Neger". Glauben Sie, dass das den Menschen hier in Österreich bewusst ist?

Ich glaube, das ist noch weniger Menschen bewusst. Es gibt sogar Personen, die glauben, das sei der politisch korrekte Begriff. Sie verwenden ihn also stellvertretend für "Neger".

Wer bestimmt, ab wann ein Wort ein Schimpfwort ist? Gibt es da Umfragen? Oder zählt es schon, wenn ein Teil einer Community sagt: "Wir wollen das nicht"?

Ein Wort ist selten für sich alleine als Schimpfwort erkennbar. Erst durch den Kontext und die Verwendung wird es zum Schimpfwort. Jedes Wort kann dadurch zum Schimpfwort werden. In der Regel sind nur vulgäre Ausdrücke sofort als Schimpfwörter erkennbar. Begriffe wie "Neger", aber auch "Zigeuner" oder "Tschusch", werden bereits durch den gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontext als abwertend angesehen. Das ist oft so bei Bezeichnungen von bestimmten ethnischen oder sozialen Gruppen.

Was ist bei dem Diskurs das Entscheidende? Geht es darum, den Menschen klarzumachen, dass "Neger" ein Schimpfwort ist? Oder geht es darum, ihnen klarzumachen, dass man schwarze Menschen nicht auf ihr Äußeres beschränken darf?

Es geht mehr um Zweiteres. Natürlich hat Sprache Auswirkungen auf die Realität. Sprachverwendung ist eine Handlung. Wer spricht und schreibt, handelt und hat damit Einfluss auf die Wirklichkeit. Auf der anderen Seite gibt es zum Beispiel auf der Uni Studentinnen, die geschlechtergerechte Sprache nicht interessiert. Der Grund dafür: Sie meinen, damit würden die Probleme für Frauen in der Realität nicht gelöst. Somit wäre es wichtiger, schwarze Menschen fair zu behandeln, als das Wort "Neger" zu streichen. Aber: Sprache baut die Realität eben mit auf. Ideal wäre es, wenn im Diskurs sowohl über den Begriff als auch über die aktuellen Probleme und die Ungleichbehandlung der betroffenen Menschen gesprochen würde. Sich nur über einzelne Begriffe den Kopf zu zerbrechen, wäre nicht von Vorteil.