Wien. Die Eltern sind Analphabeten, die eigene Schulzeit beträgt, sofern vorhanden, maximal sechs Jahre. In dieser Ausgangssituation befinden sich die meisten jungen Flüchtlinge aus Afghanistan. In Österreich müssen sie schnell lernen, Alphabetisierungskurse besuchen, mit einem total anderen Bildungssystem zurechtkommen. Viele erzählen, dass eine allgemeine Schulpflicht in Afghanistan nur auf dem Papier besteht. In den Schulen fehlte es an Lehrkräften, teils auch an Lernmaterial.

Der Einmarsch der Sowjetunion, der langjährige Bürgerkrieg und die Herrschaft der radikalislamischen Taliban hatten verheerende Folgen und sind Hauptgrund für den Bildungsnotstand des Landes. Mehr als 70 Prozent der Schulen wurden zerstört und müssen renoviert werden. Die Unesco schätzt die Analphabetenrate bei Männern auf 50,8 Prozent, bei Frauen auf 80,6 Prozent. Lange war Frauen der Zugang zu Bildung verboten. Jetzt ist das anders: Ein Drittel aller Mädchen geht zur Schule. Eine gleichmäßige Verteilung der Schulen auf Stadt und Land gibt es nicht.

"Die Analphabetenrate in ländlichen Gebieten ist wesentlich höher als in großen Städten", erzählt Amid Aris. "Die beste Ausbildung bekommt man in der Hauptstadt Kabul. Dort ist die Regierung, es gibt mehr Kontrolle." Der 21-Jährige wurde in einer Vorstadt von Lagman geboren. "Ich habe sechs Jahre regelmäßig eine Moscheeschule besucht, sechs Tage die Woche, von Samstag bis Donnerstag. Der Freitag war frei." Dort hat er Rechnen, Lesen und Schreiben in Paschtu, einer der beiden Amtssprachen Afghanistans, gelernt. Auch Informationen über seine Religion und über den Koran hat er bekommen. "In der Schule waren nur Burschen, die Mädchen durften nicht kommen. In Österreich ist alles anders", sagt er. Aris lebt seit eineinhalb Jahren in Wien. Zurzeit lernt er für den Hauptschulabschluss.

"Die Afghanen sind teils überrascht, dass es neben Frontalunterricht auch andere Lehrmethoden gibt. Jedes Jahr gibt es verständnisloses Kopfschütteln, wenn wir mit einem Sesselkreis beginnen", sagt die Sozialpädagogin Doris Anzengruber. Sie betreut das Hauptschulabschlussprojekt des Unterstützungskomitees zur Integration von MigrantInnen. Ihr Kollege, Michael Emminger, der Englisch und EDV unterrichtet, ergänzt: "Es fehlt die Erfahrung wie man sich Wissen aneignet. Manche Jugendliche haben nicht richtig gelernt zu lernen. Sie trauen sich nicht aktiv im Unterreich teilzunehmen und fürchten, etwas falsch zu machen."

Motivierter als Einheimische

Deswegen fließen am Beginn jedes Schuljahres unterschiedliche Lernstrategien in den Unterricht ein, um die fehlende Schul- und Lernerfahrung zu kompensieren. Was Österreicher in der Volksschulzeit automatisiert haben, holen Afghanen im Schnellverfahren nach. Nur das Zuhören gewohnt, lernen sie nun aktiv teilzunehmen, zu wiederholen und zu hinterfragen. "Afghanische Jugendliche sind bei uns meist motivierter als österreichische Jugendliche, die schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht haben und ihren Hauptschulabschluss nachholen", sagt Emminger.

Manche Afghanen sprechen gut Englisch, weil sie mit amerikanischen Soldaten regelmäßig Kontakt hatten. Naturwissenschaftliche Fächer sind für viele völlig neu und eine große Herausforderung. In Geschichte lernen sie eine andere Sicht auf Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg und die Taten Adolf Hitlers kennen. Geschichtsinterpretation hängt stark vom jeweiligen Land ab.

"Immer wieder stoße ich auf Unverständnis, wenn Dinge anders besprochen werden, als sie die Religion lehrt", berichtet Anzengruber. Etwa woher der Mensch kommt, woraus er besteht, wie die Erde entstanden ist - Fragen, die naturwissenschaftlich und religiös unterschiedlich beantwortet werden. Schwierig ist es auch, für Sprachfächer Material zu finden: Es fehlt das gemeinsame Wissen über Populärkultur, sagt Emminger. Junge Afghanen kennen etwa Schauspieler wie Johnny Depp nicht. Alternativ versucht man mit Stars aus Bollywood, die in Afghanistan bekannt sind, Interesse zu wecken.

"Das Eintauchen in eine Wissensgesellschaft wie Österreich ist für die meisten Flüchtlinge eine große Umstellung", fasst Anzengruber zusammen. Die Anforderungen nehmen auch für einfache Arbeitskräfte stetig zu. Dies zu erkennen und damit umzugehen falle jungen Menschen alles andere als leicht.

Eine Übung in sinnverstehendem Lesen und langjährige Leseerfahrung waren der Schlüssel zum Erfolg von Mohammad Tarzi. Der 20-Jährige lebt seit drei Jahren in Wien und hat den Hauptschulabschluss erfolgreich nachgeholt. Nach sechs Jahren Schule in Kabul war er mit seiner Familie in den Iran geflüchtet, wo er zwei Jahre die Schule in Teheran besuchte. Als subsidiär schutzberechtigt hat Tarzi Zugang zum Arbeitsmarkt. Er möchte im Pflegebereich arbeiten und sucht einen Lehrplatz. Sein Bildungsweg ist noch lang nicht zu Ende.